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Gedichtinterpretation und -vergleich: B. Brecht: „Angesichts der Zustände in dieser Stadt“ (um 1941); I. Keun: „Die fremde Stadt“ (1947)


Lösung

Der bedeutende Dramatiker und Dichter Bertolt Brecht wie auch die in der Weimarer Republik berühmt gewordene Schriftstellerin Irmgard Keun emigrierten in der Zeit des Nationalsozialismus. Beide lebten jahrelang in verschiedenen Exilländern: Irmgard Keun in Holland und Belgien, Bertolt Brecht unter anderem in Dänemark, Schweden, Finnland und den USA. Brechts Gedicht „[Angesichts der Zustände in dieser Stadt]“ entstand um 1941 im Exil. Irmgard Keun veröffentlichte ihr Gedicht „Die fremde Stadt“ 1947 in ihrer Publikation „Bilder und Gedichte aus der Emigration“. Beide Dichter thematisieren in ihren Gedichten das Leben in einer fremden Stadt. Allerdings unterscheiden sich die Stadterfahrungen deutlich: In Brechts Gedicht wird die Stadt als bedrohlich erlebt, wohingegen in Keuns Gedicht die Stadt mit der Hoffnung auf ein neues, glückliches Leben verbunden wird.

Im Folgenden wird zunächst das Gedicht „[Angesichts der Zustände in dieser Stadt]“ von Bertolt Brecht analysiert und interpretiert und danach das Gedicht „Die fremde Stadt“ von Irmgard Keun einer genauen Betrachtung unterzogen. Dabei wird jeweils das Motiv der Stadt besonders berücksichtigt. Im Vergleich werden anschließend Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Gedichte herausgearbeitet, um zu einer abschließenden Interpretation zu gelangen.

In Brechts Gedicht, das mit dem Vers „Angesichts der Zustände in dieser Stadt“ beginnt, geht es um das Verhalten eines lyrischen Ichs, das als Exilant mit offiziellen Einrichtungen oder Ämtern einer bestimmten, aber nicht konkret benannten Stadt in Berührung kommt. In der ersten Strophe (V. 1–13) werden drei unterschiedliche Verhaltensweisen beschrieben und begründet: Bei der Nennung seines Namens legt das lyrische Ich zum Beweis seinen Ausweis vor, seine Aussagen belegt es durch glaubwürdige Zeugen, sein Schweigen begleitet es mit einem „Ausdruck der Leere“ (V. 9). Als Ziel dieses Verhaltens gibt es paradoxerweise an, dass keiner ihm „glauben“ (V. 12) oder vertrauen soll. In der zweiten Strophe folgt die Begründung: Es ist der „Zustand dieser Stadt“ (V. 14), der „zu glauben“ (V. 15) nicht erlaubt. Die dritte Strophe verweist auf Situationen, in denen das lyrische Ich verunsichert wird, indem seine Aufrichtigkeit infrage gestellt wird. Es ist dann nicht mehr in der Lage, sich zu rechtfertigen, stattdessen ergreift es ein Gefühl der Scham.

Das Gedicht ist in drei nummerierte Strophen gegliedert, die jeweils eine unterschiedliche Anzahl von Versen umfassen. Auch sind die Verse unterschiedlich lang. Auf eine kunstvolle Gestaltung der Form wurde verzichtet: Es gibt keine Reime und kein regelmäßiges Metrum. Diese Schmucklosigkeit entspricht dem sachlichen Mitteilungscharakter des Inhalts. Allerdings fallen zahlreiche Enjambements auf. Sie verzögern den Lesefluss und heben wichtige Aussagen hervor (vgl. z. B. „und zeige / die Papiere“, V. 3 f.) oder setzen einen Satzanfang auf eine überraschende Weise fort (vgl. „und verschweige / Alles, was für mich spricht“, V. 22 f.).

Die einzelnen Strophen folgen einem klaren logischen Aufbau. In der ersten Strophe beschreibt das Ich sein vorsichtiges Verhalten in einer fremden Stadt als Immigrant. Die Begründung für sein Benehmen folgt in der zweiten Strophe. In der dritten Strophe erläutert das lyrische Ich, wie es – vermutlich von Seiten der Behörden behandelt wird und wie beschämt es darauf reagiert.

Charakteristisch für das Gedicht sind komplexe Satzkonstruktionen. In der ersten Strophe beginnen drei Verse anaphorisch mit „Wenn ich“ (vgl. V. 3, 6, 8). In diesen Sätzen wird differenziert erklärt, in welcher Situation das lyrische Ich auf welche Weise handelt. Dadurch erhält der Rezipient eine genaue Vorstellung vom üblichen Ablauf bestimmter Handlungsweisen des lyrischen Ichs. In der dritten Strophe weisen indirekte Fragesätze darauf hin, dass dem Ich nicht ohne Weiteres geglaubt wird: Dem Fremden wird unterstellt, möglicherweise ein Schwindler, Lügner oder Unruhestifter zu sein (vgl. V. 19 f.).

Bei der Wortwahl fällt eine Dominanz der Verben auf, die verdeutlicht, dass der Schwerpunkt auf unterschiedlichen Aktivitäten liegt, z. B. „eintreten“, „sagen“, „zeigen“ (V. 3). Vor allem in der ersten Strophe werden verstärkt Begriffe eingesetzt, die im Umgang mit Behörden verwendet werden, wenn man sich als Exilant in einer fremden Stadt anmelden und ausweisen  muss: „zeige / Die Papiere“ (V. 3 f.), „belegen mit Stempeln“ (V. 4), „Nicht gefälscht“ (V. 5) sowie „führe ich Zeugen an“ (V. 6). Hier geht es um den rechtlichen Rahmen. Vertrauen ist jedoch im menschlichen Umgang ebenfalls nötig. Dies zeigt sich in den eingesetzten Begriffen „Glaubwürdigkeit“ (V. 6), „Vertrauen“ (V. 12) sowie „glauben“ (V. 12, V. 15), die jedoch ambivalent verwendet werden. Vor allem der Satz „Jedes Vertrauen / Lehne ich ab“ (V. 12 f.) und die Aussage „der Zustand dieser Stadt / Macht zu glauben unmöglich“ (V. 14 f.) verweisen auf eine Entfremdung des Individuums von seinen Mitmenschen, die dem „Zustand dieser Stadt“ (V. 14) geschuldet ist. Offen bleibt allerdings, was diesen „Zustand“ ausmacht und wer oder was dafür verantwortlich ist.

Das Personalpronomen „ich“ wird vom lyrischen Ich häufig verwendet und bildet einen deutlichen Kontrast zum unpersönlichen  „man“ (vgl. „damit man sieht“, V. 9). Bei der Passivkonstruktion „Daß ich überrumpelt werde und gefragt“ (V. 18) wird der Verursacher verschwiegen. Somit konzentriert sich das lyrische Ich auf sein Denken und seine Empfindungen und nimmt seine Mitmenschen nicht als Individuen wahr.

Der Sprachstil ist sachlich-informativ. Die Aussagen werden nicht nur erklärt, sondern auch begründet. Deutlich wird dies beispielsweise an der dreimaligen Verwendung eines Doppelpunkts, um eine Erklärung (vgl. V. 2) oder eine Begründung (vgl. V. 9 sowie V. 14) anzukündigen.

Des Weiteren werden Aussagen mehrfach in Form einer Klimax angeordnet. Indem das Schweigen auf ungewöhnliche Weise begründet wird (vgl. V. 810), liegt beispielsweise in der ersten Strophe der Höhepunkt auf dem dritten mit der Konjunktion „wenn“ beginnenden Satz: „Wenn ich schweige“ (V. 8). In der dritten Strophe bildet die dritte der drei indirekten Fragen eine Klimax, da sich die erste Frage auf die Gegenwart, die zweite auf die Vergangenheit, die dritte jedoch auf die Zukunft (vgl. V. 19 f.) bezieht. Auch die Aufzählung in den letzten Versen des Gedichts steuert auf den Höhepunkt „Schäme mich“ (V. 24) zu.

Da das Gedicht in einem schmucklosen argumentativen Stil verfasst ist, gibt es kaum eine bildhafte Ausdrucksweise. Mit der Genitivmetapher „Ausdruck der Leere“ (V. 10) wird der Gesichtsausdruck beschrieben, mit dem das lyrische Ich deutlich machen möchte, dass es nicht nachdenkt (vgl. V. 8–10). Die Verwendung des Nomens „Leere“ könnte signalisieren, dass das Ich an sein fremdes Umfeld weder Hoffnungen knüpft noch Ansprüche stellt. Diese Ausdruckslosigkeit nutzt es jedoch gleichzeitig als Tarnung, denn niemand soll ihm vertrauen. Dass ihm in der Fremde tatsächlich offenes Misstrauen entgegengebracht wird, zeigt die letzte Strophe, in der das Ich mitteilt: „werde […] gefragt / Ob ich […] nichts / Bestimmtes im Schilde führe“ (V. 21–23). Mit der Redewendung „nichts im Schilde führen“ wird also dem Ich ein heimlicher Plan unterstellt, der gegen seinen Aufenthaltsort, dessen Einwohner oder gegen das Exilland gerichtet ist. Das lyrische Ich reagiert auf diesen Verdacht mit Schamgefühl (vgl. V. 25). Ursache dafür ist offensichtlich die Verunsicherung, die der besondere Zustand der Stadt in ihm auslöst: Statt Vertrauen herrscht Misstrauen, statt Unterstützung gibt es Verdächtigungen. In einer derartigen Stadt kann sich ein Fremder nicht wohlfühlen, sondern bleibt distanziert und fühlt sich ausgegrenzt.

Einen deutlichen Kontrast zu dem Erleben einer fremden Stadt in Brechts „[Angesichts der Zustände in dieser Stadt]“ bildet Irmgard Keuns Gedicht „Die fremde Stadt“, in dem das lyrische Ich einer fremden Stadt seine Gefühle und Sehnsüchte erklärt. Das Gedicht lässt sich in zwei Sinneinheiten gliedern. In der ersten (V. 1–19) bekennt das lyrische Ich seine Liebe zu einer fremden Stadt wegen ihrer „Fremdheit“ (V. 2), die Hoffnungen weckt: auf das Wiederfinden dessen, was das lyrische Ich in seiner Heimat zurücklassen musste, auf eine wiederzugewinnende Schaffenskraft und einen Neuanfang. Zugleich sucht das Ich Schutz, aber auch Zeit zum Trauern und bittet darum, nicht verfolgt zu werden. Im zweiten Sinnabschnitt (V. 19–25) öffnet sich das lyrische Ich dem fremden Land und bittet darum, gemeinsam mit anderen („uns Arme“, V. 24) den Himmel über dem fremden Land als Abglanz der Ewigkeit zu erfahren.

Das einstrophige Gedicht umfasst 25 Verse, die unterschiedlich lang sind. Sie sind durch unterschiedliche Reimformen miteinander verbunden: Die Wiederholung von „fremde Stadt“ in Vers 1 und 18 bildet den Rahmen der ersten Sinneinheit, die durch Paarreime (vgl. V. 29) sowie Kreuzreime (vgl. V. 1017) gekennzeichnet ist. Darauf folgt ein weiterer Kreuzreim (V. 1922), an den sich ein umarmender Reim direkt anschließt (V. 2225). Diese kunstvolle Anordnung zeigt auf der formalen Ebene die enge Beziehung des Ichs zur fremden Stadt und zum fremden Land, die jedoch gleichzeitig von wechselnden Gefühlseindrücken geprägt ist. Dieser Befund wird durch die Verwendung unterschiedlicher Versfüße unterstützt: Es werden der Jambus (vgl. z. B. den fünfhebigen Jambus, V. 2), der Trochäus (vgl. z. B. den sechshebigen Trochäus, V. 21) sowie der Daktylus (vgl. z. B. die Kombination aus Daktylus und Trochäus, V. 24) genutzt. Das unregelmäßige Metrum bildet die Grundlage für einen Rhythmus, der das innere Aufgewühltsein des lyrischen Ichs zum Ausdruck bringt.

Da die meisten Verse jeweils eine Sinneinheit eines Satzes beinhalten – oft enden sie mit einem Komma oder einem Punkt –, sind die einzelnen Verse unterschiedlich lang. Enjambements werden nur sparsam verwendet: „Hunger und Hunde / Jagen das Leid“ (V. 16 f.) sowie „mir gab er den Segen / Für dich, fremdes Land (V. 21 f.). Sie heben die einzelnen Aussagen hervor und geben ihnen ein besonderes Gewicht.

Einfache Aussagesätze (vgl. V, 2, 10, 19) und Satzreihen bilden das Grundgerüst von Keuns Gedicht (vgl. V. 16–18 und V. 21 f.). Sie werden von  einigen komplexen Satzkonstruktionen mit Relativsätzen und nachgestellten Appositionen unterbrochen (vgl. V. 3 f., V. 5–9, V. 12–15, V. 23–25), die bereits Genanntes präzisieren. Auffällig ist die anaphorische Verwendung von Aufforderungssätzen, die jeweils mit „Laß mich“ (vgl. V. 5, 7, 12, 19) beginnen und in denen sich das lyrische Ich als Bittsteller an die Stadt bzw. das Land als höhere Instanz wendet.

Das Gedicht ist klar aufgebaut: Es beginnt mit der Anrufung einer Stadt („Fremde Stadt“, V. 1–18), die sich refrainartig sechsmal durch das Gedicht zieht. Es endet mit der Anrufung eines Landes („fremdes Land“, V. 19–25). Diese Form der Anrede wird insgesamt dreimal verwendet, und zwar am Ende der letzten Sätze des Gedichts. Somit lässt sich eine Ausweitung erkennen: Indem das lyrische Ich den Blick zum Himmel erhebt, wünscht es sich nun – wie zuvor von der fremden Stadt – einen ruhigen Aufenthalt im fremden Land.

Bei der Wortwahl werden als wesentliche Themen Verlust (vgl. z. B. „Verlangen nach Verlorenem“, V. 3; „ich verließ“, V. 4) und Trauer (vgl. z. B. „trauern“, V. 12, „Leid“, V. 17) deutlich. Sie erzeugen eine nachdenkliche und gefühlvolle Atmosphäre. Auch das Thema Zeit wird mehrfach aufgegriffen: „Nur eine Stunde, / Nur kurze Zeit“ (V. 14 f. sowie V. 23) und „die Ewigkeit“ (V. 24). Der dadurch ausgedrückte Gegensatz verdeutlicht die beiden Pole, zwischen denen sich das lyrische Ich bewegen muss: Einerseits kann es sich nur auf eine kurze Zeitspanne einlassen, andererseits besteht der Wunsch nach Zeitlosigkeit und ein Geborgensein im Göttlichen (vgl. „Gott gab dir den Himmel, mir gab er den Segen“, V. 21).

Da sich das Gedicht direkt an eine fremde Stadt bzw. an ein fremdes Land richtet, ist der Sprachstil appellativ. Dies zeigt sich insbesondere in der viermaligen Wiederholung der Bitte „Laß mich […]“ (V. 5, 7, 12, 19), die jeweils am Anfang der Verse steht und dadurch sehr eindringlich wirkt. Weitere Wiederholungen von Wortgruppen, beispielsweise „fremde Stadt“ und „fremdes Land“, haben einen refrainartigen Charakter. Sie betonen die schwierige Situation, in der sich das lyrische Ich in der Fremde befindet, wie auch die durch Alliteration klanglich hervorgehobenen Aussagen „Verlangen nach Verlorenem“ (V. 3) sowie „Hunger und Hunde“ (V. 16).

Bedeutsam ist die Personifikation „fremde Stadt“. Das lyrische Ich spricht zu der Stadt in der Fremde wie zu einem höheren Wesen, das über sein Wohl und Wehe entscheiden kann. Denn die Stadt kann Sicherheit bieten (vgl. V. 10–12), aber auch zurückweisen: „Jage nicht du mich auch, fremde Stadt“ (V. 18). Die Verwendung des Personalpronomens „du“ bei der Anrede zeigt die enge Beziehung des lyrischen Ichs zur fremden Stadt. Dies gilt ebenfalls für die Personifikation „fremdes Land“ (vgl. V. 20, 22, 25). Auf die fremde Stadt setzt das lyrische Ich große Hoffnungen. So spricht es von der Möglichkeit, dass die Stadt die Verlusterfahrung kompensieren könnte: „Du könntest das Verlangen nach Verlorenem mir stillen, / Nach dem, was ich verließ“ (V. 3 f.). Diese Vorstellung verdeutlicht, wie groß die Sehnsucht nach der zurückgelassenen Heimat ist. Allerdings bleibt ausgespart, was dem lyrischen Ich besonders viel bedeutet hat, bevor es seinen bisherigen Wohnort verlassen musste, und wonach es ein besonderes Verlangen hat.

Von der fremden Stadt wünscht sich das lyrische Ich, noch einmal so zu sein, „wie Kinder sind / Die eines Menschen Fuß noch nicht getreten hat“ (V. 7 f.). Dieser Vergleich bringt zum Ausdruck, dass das lyrische Ich genau dies bereits erleben musste: Es wurde von Menschen gewaltsam unterdrückt und vertrieben. Nun möchte es diese schreckliche Erfahrung ein einziges Mal vergessen, um – möglicherweise wie früher – den Menschen ohne Argwohn und Angst gegenübertreten zu können. Obgleich also das lyrische Ich in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen machen musste und es seine Heimat erzwungenermaßen verlassen hat, ist es voller Hoffnung und Zuversicht: Es möchte in der fremden Stadt im fremden Land einen Neuanfang wagen, der zugleich an das Bisherige anknüpft.

Vergleicht man das Gedicht von Brecht mit Keuns Gedicht, so zeigen sich hinsichtlich der thematischen Schwerpunkte etliche Gemeinsamkeiten: Im Zentrum der beiden Gedichte steht das Stadtmotiv, das mit dem besonderen Thema Leben in der Fremde, Leben als Exilant verbunden ist. Allerdings offenbart die Ausgestaltung des Stadtmotivs eine unterschiedliche Haltung: Das lyrische Ich des Brecht-Gedichts verhält sich gegenüber der fremden Stadt distanziert. Es erwartet von ihr nichts Gutes und es hat keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft, da es zu wissen meint: „der Zustand dieser Stadt / Macht zu glauben unmöglich“ (V. 14 f.). Doch was genau den „Zustand“ ausmacht, wird nicht näher erläutert. Nur die Wirkung auf das lyrische Ich wird erläutert. Im Gegensatz dazu lässt sich das lyrische Ich im Keun-Gedicht ohne Vorbehalte auf die fremde Stadt ein und bietet ihr seine Liebe an: „Ich liebe dich um deiner Fremdheit willen“ (V. 2). Indem es sich vorstellt, was in dieser fremden Stadt alles möglich sein könnte, drückt es seine hoffnungsvolle, zukunftsorientierte Einstellung aus.

Auch in sprachlicher Hinsicht unterscheiden sich die beiden Gedichte deutlich. Das Verhältnis des lyrischen Ichs zur Stadt wird in Brechts Gedicht sachlich erklärt und begründet, ohne bildhafte Umschreibungen zu verwenden. In Keuns Gedicht dagegen werden Hoffnungen und Wünsche des lyrischen Ichs aneinandergereiht; sprachliche Bilder aktivieren beim Leser das Vorstellungsvermögen.

Beide Gedichte verbindet wiederum die Tatsache, dass sie aus der Perspektive eines lyrischen Ichs verfasst sind. Somit können sich die Leser leicht in das Ich hineindenken. Das gilt insbesondere für Brechts Gedicht. Aber auch das Mitgefühl mit dem Ich wird auf diese Weise erleichtert. Das trifft vor allem bei Keuns Gedicht zu. Indem keines der Gedichte Hinweise auf Geschlecht, Alter, Herkunft, Aufenthaltsort des Ichs gibt, bleibt das Individuum anonym, erhält jedoch gleichzeitig dadurch eine Allgemeingültigkeit: In dieser bestimmten Situation kann es jedem Menschen jederzeit so ergehen.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass die Erfahrung einer fremden Stadt in beiden Gedichten sehr unterschiedlich beurteilt wird, denn ein Individuum kann im Exil ganz anders auf eine fremde Stadt reagieren: Es kann sie zum einen als Bedrohung, zum anderen als Hoffnungsträger wahrnehmen. Dabei haben die besondere Situation des Exils und der Exilorte sowie die individuellen Erfahrungen und Einstellungen möglicherweise großen Einfluss auf die Wahrnehmungen eines Menschen. Brechts Gedicht ist 1941 entstanden, ein Jahr, in dem er aufgrund der Ausweitung des Zweiten Weltkrieges Europa verlassen hat und über Moskau und Wladiwostok in die USA eingereist ist. Brecht war zwar Marxist, aber kein Mitglied der kommunistischen Partei. In der Sowjetunion wollte er nicht bleiben, da er nicht im Sinne des dort vorgeschriebenen sozialistischen Realismus schreiben wollte. In seinem amerikanischen Wohnort Santa Monica, Los Angeles, fühlte er sich aber auch nie heimisch, denn er war entschieden gegen die Art, wie in Hollywood Filme gemacht wurden. Somit könnte die in seinem Gedicht ausgedrückte negative Grundhaltung auch seine persönliche Erfahrung dieser Jahre sein. Außerdem war er aufgrund seiner politischen Einstellung im kapitalistischen Amerika ein Exilant, der mit Vorsicht, ja sogar mit Argwohn beobachtet wurde. Am Ende seiner Exilzeit, 1947, musste Bertolt Brecht sogar vor den sogenannten Ausschuss für unamerikanische Betätigung treten und sich rechtfertigen.

Allerdings können sowohl Irmgard Keuns Gedicht „Die fremde Stadt“ wie auch „[Angesichts der Zustände in dieser Stadt]“ von Bertolt Brecht unabhängig von der damaligen Exilerfahrung verstanden und interpretiert werden, denn sie sind heute genauso aktuell wie zu ihrer Entstehungszeit. Auch in unserer Zeit gibt es Hunderttausende Menschen, die ihre Heimat aufgrund der politischen Situation oder wegen kriegerischer Auseinandersetzungen verlassen haben und sich auf der Flucht befinden. Ihre Eindrücke, Erfahrungen und Hoffnungen oder Ängste in fremden Städten unterscheiden sich vermutlich gar nicht so sehr von denen, die in den beiden Gedichten zum Ausdruck kommen.

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