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Gedichtinterpretation: B. Brecht: „Nur was sie zu ihrem Unterhalt brauchen“


Lösung

Der bedeutende Dramatiker und Dichter Bertolt Brecht lebte zur Zeit des Nationalsozialismus jahrelang in verschiedenen Exilländern, unter anderem in Dänemark, Schweden, Finnland und den USA. Sein Gedicht „[Nur was sie zu ihrem Unterhalt brauchen]“ entstand um 1935 im dänischen Exil. Da der Titel nicht gesichert ist, wird der erste Vers des Gedichts als Titelangabe verwendet. Das Gedicht thematisiert das Leben von Flüchtlingen in der Fremde. Die in formaler, sprachlicher und ästhetischer Hinsicht ungewöhnliche dichterische Gestaltung von Exilerfahrungen verdeutlicht die Ausnahmesituation, in der sich die Vertriebenen befinden.

Im Folgenden wird Brechts Gedicht „[Nur was sie zu ihrem Unterhalt brauchen]“ analysiert und interpretiert. Dabei wird die Gestaltung der Exilerfahrungen besonders berücksichtigt, um zu einer abschließenden Interpretation zu gelangen.

Das Gedicht ist in sechs Strophen gegliedert, die jeweils eine unterschiedliche Anzahl von Versen umfassen. Auch sind die 19 Verse des Gedichts unterschiedlich lang. Durch die Stropheneinteilung wirkt das Gedicht einerseits geordnet, andererseits macht die unterschiedliche Länge der Verse einen unruhigen, disharmonischen Eindruck.

Das Gedicht, das mit dem Vers „Nur was sie zu ihrem Unterhalt brauchen“ beginnt, konzentriert sich auf das Leben im Exil. Die einzelnen Strophen sind klar und logisch aufgebaut. Jede Strophe beschreibt einen bestimmten Aspekt des Flüchtlingsdaseins: Die erste Strophe (Z. 1–3) thematisiert die Verhaltensweisen der Flüchtlinge im Exilland: Da es ihnen vor allem um ihr Überleben geht, wollen sie „von der fremden Umgebung“ (Z. 2) nur das Existenzminimum in Anspruch nehmen. Außerdem geben sie nur wenig von ihrer Vergangenheit preis. In der zweiten Strophe (Z. 4–5) wird deutlich, dass die Exilanten von ihren Mitmenschen ignoriert werden: Keiner ruft sie an oder will mit ihnen sprechen, wenn sie draußen unterwegs sind. Außerdem werden sie weder kritisiert noch erhalten sie ein Lob. Um den Verlust der Gegenwart und das Weiterleben der Exilanten geht es in der dritten Strophe (Z. 6–10): Obgleich sie noch weit von ihrem Ziel entfernt sind, entwickeln sie sich weiter. Die vierte Strophe (Z. 11–13) greift zwei einzelne Schicksale heraus: „der Beschäftigte“ (Z. 11) nimmt sich kaum Zeit für die Mahlzeiten, „Der Schlaflose“ (Z. 12) kommt nicht zum Schlafen. In der fünften Strophe (Z. 14–18) wird deutlich, dass es den Flüchtlingen vor allem um die Zukunft geht. Die Gegenwart spielt für sie anscheinend eine untergeordnete Rolle, da ihnen die Vergangenheit wichtiger als der Bezug zu ihren Zeitgenossen ist. Die letzte Strophe (Z. 19–20) fasst die Lebensbedingungen der Flüchtlinge zusammen: Ihr Denken und Sprechen kann sich nur auf das beziehen, was bereits vergangen ist. Die Gegenwart ist deshalb so problematisch, weil sie ohne Identifikationspapiere in der Fremde unterwegs sind.

Das Gedicht ist formal einfach gestaltet: Es gibt weder Reime noch ein regelmäßiges Metrum. Stattdessen wird ein freier Rhythmus verwendet. Die Schlichtheit der Form entspricht dem sachlichen Mitteilungscharakter des Inhalts.

Die Satzgrenzen werden in der Regel durch Punkte verdeutlicht. Des Weiteren enden etliche Verse mit einer Sinneinheit, die normalerweise von einem Komma angezeigt wird, im Gedicht selbst jedoch nicht durch Interpunktion verdeutlicht wird (vgl. Z. 1, 6, 8, 9, 16, 17). Das Ende der Strophen korreliert immer mit dem Ende eines Satzes. Allerdings fällt die sechste Strophe aus dem Rahmen: Hier signalisiert ein Komma die Grenze zwischen Neben- und Hauptsatz mitten im Vers (vgl. Z. 19), doch fehlt der Schlusspunkt am Ende der letzten Strophe. Diese Abweichung könnte darauf hinweisen, dass diese Strophe noch nicht abgeschlossen ist und der Leser zum Weiterdenken aufgefordert wird.

Auffällig sind einige Enjambements. Einerseits heben sie wichtige Aussagen hervor und verzögern gleichzeitig den Lesefluss, beispielsweise: „Der Schlaflose / Braucht keine Lagerstatt“ (Z. 12 f.). Andererseits setzen sie einen Satzanfang auf eine überraschende Weise fort: „Sparsam / Geben sie die Erinnerung aus“ (Z. 2 f.). Die Enjambements haben also die Funktion, den Gedankengang des Gedichts bewusst zu machen. Sie fordern den Rezipienten dazu auf, sich aktiv mit der gedanklichen Entfaltung auseinanderzusetzen und sich der Wirkung eines Zeilensprungs zu stellen.

Dazu passt auch, dass der Sprecher des Gedichts die Situation der Flüchtlinge nicht als persönliche, individuelle Erfahrung vorstellt. Es gibt weder ein lyrisches Ich bzw. Wir noch ein lyrisches Du. Der Sprecher verwendet ausschließlich das Personalpronomen „sie“ und die entsprechenden Possessivpronomen, bleibt also in Distanz zu der vorgestellten Situation. Die Gruppe der Exilanten wird dadurch als isoliert dargestellt. Darüber hinaus werden keinerlei Nomen verwendet, die diese Gruppe als Exilanten oder Flüchtlinge konkret benennen. Es ist die Aufgabe des Rezipienten, selbst über die unterschiedlichen Informationen in den einzelnen Strophen diese Schlussfolgerung zu ziehen. Eine individuellere Betrachtung der anonym bleibenden Menschengruppe erfolgt nur über die Bezeichnungen „der Beschäftigte“ (Z. 11) und „Der Schlaflose“ (Z. 12). Hier werden zwei Verhaltensweisen, die möglicherweise nur für bestimmte Exilanten gültig sind, hervorgehoben.

Die Wiederholung von Schlüsselwörtern ist ein wesentliches Merkmal des Gedichts. Dies gilt nicht nur für Pronomen, sondern auch für andere Wortarten. Das Nomen „Gegenwart“ wird allerdings jeweils in der negativen Form wiederholt „keine Gegenwart“ (Z. 6) sowie „ohne Gegenwart“ (Z. 17) und dadurch doppelt hervorgehoben.

Die zweimalige Verwendung des Verbs „brauchen“ verdeutlicht die Ambivalenz des Flüchtlingsdaseins, denn einmal wird es am Anfang des Gedichts in der aktiven Funktion verwendet (vgl. Z. 1), andererseits wird es in der verneinten Form benutzt (vgl. „Braucht keine Lagerstatt“, Z. 13). Das Verb „suchen“ (vgl. Z. 7, 10) wird zweimal in einer etwas ungewöhnlichen Bedeutungsvariante verwendet, denn es drückt jeweils das Bestreben der Flüchtlinge aus, etwas Bestimmtes zu erreichen, nämlich „sich Dauer zu verleihen“ (Z. 7), also Nachhaltigkeit als Zukunftsperspektive, und „sich zu verbessern“ (Z. 10), d. h. eine persönliche Weiterentwicklung für die Zukunft. Indem das Verb „sagen“ in der letzten Strophe wiederholt wird (vgl. Z. 19), liegt auf dieser Aktivität ein besonderer inhaltlicher Schwerpunkt. Eine wesentliche Tätigkeit der Flüchtlinge besteht also im Sprechen, in Mitteilungen an Kommunikationspartner. Die Kommunikation mit anderen bildet also für die Flüchtlinge eine notwendige Existenzgrundlage, etwas, was „sie zu ihrem Unterhalt brauchen“ (Z. 1).

Charakteristisch für das Gedicht sind übersichtliche Satzkonstruktionen. In zwei Strophen werden ausschließlich einfache Hauptsätze und Satzreihen verwendet (vgl. die zweite und vierte Strophe), da bestimmte Verhaltensweisen ohne weitere Erklärung aneinandergereiht werden. In den anderen Strophen gibt es hypotaktische Sätze, die Begründungen (vgl. Z. 6 f., 7–10) oder erklärende Einschübe in Form von Relativsätzen (vgl. 9, 17) enthalten. Somit ist das Gedicht nicht schwer zu verstehen.

Im Gedicht werden überwiegend Wörter aus der Alltagssprache verwendet. Dabei fällt die dominierende Rolle der Verben auf, die unterschiedliche Aktivitäten der Exilanten benennen und häufig am Versanfang stehen, zum Beispiel „[N]ehmen“ (Z. 2), „[G]eben“ (Z. 3) und „[S]uchen“ (Z. 7, 10), somit also hervorgehoben sind. Ein weiterer Akzent liegt auf den Modaladverbien. Sie werden jeweils an den Anfang des Satzes gestellt und durch diese Inversion hervorgehoben. So wird in der ersten Strophe die Art und Weise, wie Erinnerungen an die Vergangenheit mitgeteilt werden, mit dem Adjektiv „Sparsam“ (Z. 2) charakterisiert, das den ökonomischen Umgang mit zur Verfügung stehenden Mitteln aufzeigt. Indem in der vierten Strophe die Beschreibung der Nahrungsaufnahme mit dem Adjektiv „Achtlos“ (Z. 11) einsetzt, wird deutlich gemacht, dass das Essen zwar für die menschliche Existenz notwendig ist, doch ist es für Einzelne im Exil nebensächlich geworden, da es Wichtigeres gibt. Was für die Flüchtlinge jedoch am wichtigsten ist, wird in der fünften Strophe durch den Superlativ „Und am gierigsten“ (Z. 16) ausgedrückt: Es sind die Kinder, „ihre Nachkommen“ (Z. 18), denen diese Bedeutung zukommt. Somit beziehen sich die Adjektive in den Sätzen auf Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges und ermöglichen es durch ihre Anschaulichkeit, sich die Existenzerfahrung im Exil in aller Knappheit vorzustellen und sie zugleich gedanklich zu durchdringen.

In theoretischen Überlegungen hat Brecht betont, dass Inhalt und Form seiner Gedichte eine Einheit bilden sollen. Zugleich wollte er mit seinen Gedichten Eindringlichkeit erzielen und beim Rezipienten weniger das einfühlende Assoziieren als das Nachdenken über das Gelesene bewirken. Von daher ist es verständlich, dass in dem Gedicht „[Was sie zu ihrem Lebensunterhalt brauchen]“ zwar großer Wert darauf gelegt wird, das Vokabular und den Satzbau passend zur inhaltlichen Aussage auszuwählen, sprachliche Bilder jedoch nur sparsam verwendet werden, da sie beim Rezipienten individuelle Konnotationen und Stimmungen auslösen. Dennoch findet man im Gedicht zwei Sprachbilder. Bereits in der ersten Strophe fällt der Satz „Sparsam / Geben sie die Erinnerung aus“ (Z. 2 f.) auf. Der Leser wird aufgefordert, über die ungewöhnliche Zusammenstellung nachzudenken, denn die Ausdrucksweise „Sparsam […] ausgeben“ wird gewöhnlich mit Materiellem verbunden. Hier jedoch geht es um einen immateriellen Wert, den persönlichen Blick in die Vergangenheit. Auch der Satz „Achtlos fischt der Beschäftigte / Nach einem Bissen essen“ (Z. 11 f.) verknüpft zwei Bildbereiche miteinander: das Angeln von Fischen und das Aufnehmen von Nahrung. Doch hier geht es wohl eher um die umgangssprachliche Verwendung des Verbs „fischen“ im Sinne von „nach etwas kramen“, verdeutlicht also zum einen die Alltäglichkeit der Situation, zum anderen aber auch die Bedeutungslosigkeit (vgl. „Achtlos“, Z. 11) von Mahlzeiten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass im Gedicht die Situation der Exilanten anschaulich vermittelt wird. Sowohl physische wie psychische Grundbedingungen werden deutlich: die Beschränkung auf das Notwendigste im Hinblick auf die materielle Versorgung, gleichzeitig die seelische Anspannung, die zum Beispiel auf Kontaktarmut, fehlende Integration in der Fremde und vor allem die Illegalität hinweist.

Das Gedicht lässt sich auf Brechts persönliche Exilerfahrung beziehen, sodass sich eine biografische Deutung anbietet: Indem sich Brecht nämlich in den kleinen Ort Svendborg in Dänemark zurückzog, konzentrierte er sich selbst auf das, was ihm wichtig war, nämlich das Schreiben, mit dem er zum einen den Kampf gegen Nazideutschland führte, zum anderen gesellschaftliche Spannungen sichtbar machen wollte, um eine sozial gerechtere Gesellschaft in der Zukunft zu ermöglichen. Da die Wirkungsmöglichkeiten von Autoren im Exil gering waren, musste er seinen Blick auf fernere Ziele richten. Auch der Hinweis in der letzten Strophe, dass sich Exilanten „ohne Paß und Ausweis“ (Z. 20) bewegen müssen, hat eine biografische Bedeutung: Brecht selbst wurde 1935 die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen, also während der Entstehungszeit des Gedichts.

Über die biografische Bedeutung hinaus zeigt das Gedicht, wie Brecht seine theoretischen Ansprüche an Lyrik praktisch umsetzt. Indem es nämlich die Situation im Exil als widerspruchsvoll zeigt, verdeutlicht es soziale, gesellschaftliche und politische Probleme. So bedeutet der Verlust der Identifikationspapiere zugleich den Verlust der sozialen und gesellschaftlichen Zugehörigkeit. Außerdem folgt aus diesem Mangel der – scheinbare – Verlust der Gegenwart. Auch bildet die formale Gestaltung eine Einheit mit der inhaltlichen Darstellung der Exilerfahrung: Das in unregelmäßigen Rhythmen verfasste Gedicht wirkt eindringlich und löst beim Rezipienten weniger eine Stimmung als eine gedankliche Auseinandersetzung mit den Themen Exil und Flüchtlingsdasein aus.

Brechts Intention war es, den Rezipienten zum Nachdenken anzuregen. Deshalb sollte der heutige Leser nicht nur den Blick auf die Vergangenheit richten und das Gedicht historisch in die deutsche Exilliteratur und in Brechts Leben und Werk einordnen. Da das Gedicht die fehlende Gegenwart der Exilanten anprangert, könnte der Rezipient beispielsweise prüfen, inwiefern dieser im Gedicht vorgestellte Mangel eine Grundkonstante auch des heutigen Flüchtlingsdaseins ist oder ob sich neue soziale Widersprüche entwickelt haben. 

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