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Gedichtinterpretation (2)


Aufgabe

Lies dir das Gedicht „Frische Fahrt“ (1815) von Joseph von Eichendorff zunächst aufmerksam durch und setze dich gründlich mit seinem Inhalt auseinander. Schreibe dann eine Gedichtinterpretation, die sich in Einleitung, Hauptteil und Schluss gliedert. Gehe darin auf die formalen und sprachlichen Besonderheiten ein und untersuche ihre Wirkung auf die inhaltliche Aussage des Gedichts.

Das Gedicht gehört zur Epoche der Romantik. Deren Vertreter lehnten die formstrenge und vernunftbetonte Literatur der Vorgängerepoche, der Klassik, ab und huldigten stattdessen dem Gefühl und der Fantasie. Sie stellten die Welt des Traums und das Unbewusste sowie das Einfach-Naive und Volkstümliche in den Vordergrund. Ihre Stimmungslyrik war getragen von den Motiven der Sehnsucht und des Aufbruchs. Die Natur als Relikt der ursprünglichen Welt galt ihnen als Ort der Sehnsucht.

Untersuche in deiner Interpretation auch, ob sich diese Leitgedanken der Romantik in Eichendorffs Gedicht wiederfinden lassen.

Textgrundlage
 

Frische Fahrt (1815)

1          Laue Luft kommt blau geflossen,

2          Frühling, Frühling soll es sein!

3          Waldwärts Hörnerklang geschossen,

4          Mutger Augen lichter Schein;

5          Und das Wirren bunt und bunter

6          Wird ein magisch wilder Fluß,

7          In die schöne Welt hinunter

8          Lockt dich dieses Stromes Gruß.

 

9          Und ich mag mich nicht bewahren!

10        Weit von euch treibt mich der Wind,

11        Auf dem Strome will ich fahren,

12        Von dem Glanze selig blind!

13        Tausend Stimmen lockend schlagen,

14        Hoch Aurora flammend weht,

15        Fahre zu! Ich mag nicht fragen,

16        Wo die Fahrt zu Ende geht!

Lösung

Das Gedicht „Frische Fahrt“ (1815) von Joseph von Eichendorff schildert den beginnenden Frühling und die damit verbundene Aufbruchstimmung. Die ersten vier Verse beschreiben verschiedene, mit allen Sinnen wahrgenommene Eindrücke der anbrechenden Jahreszeit. In den folgenden Versen wird der Einfluss des Frühlings auf das lyrische Ich dargestellt. Es folgt dem mitreißenden Strom auf eine Reise mit unbekanntem Ziel. Das Gedicht präsentiert den Frühling als Symbol für einen Neuanfang, der von einer für die Romantik typischen unbestimmten Sehnsucht nach neuen Werten und Idealen gespeist wird.

Eichendorffs Text besteht aus zwei Strophen mit je acht Versen. Reimschema ist der Kreuzreim, als Metrum dient ein vierhebiger Trochäus, der abwechselnd mit weiblicher und männlicher Kadenz endet. Diese formale Gleichmäßigkeit gibt dem Gedicht einen sehr rhythmischen Lesefluss, der mit seinen Hebungen und Senkungen an eine Welle erinnert. Das dynamische Motiv der Welle oder des Fließens findet sich auch auf der sprachlichen Ebene im gesamten Text wieder (Vers 1: „geflossen“, V. 6: „Fluß“, V. 8: „Stromes“, V. 11: „Strome“). Das lyrische Ich begrüßt euphorisch (V. 2: „Frühling, Frühling soll es sein!“) die neue Jahreszeit, die als intensive Sinneswahrnehmung bildhaft dargestellt wird. Bereits im ersten Vers erfährt der Leser durch die Alliteration „laue Luft“ etwas über die Temperatur, die als sehr angenehm beschrieben wird. Hier wird die Luft auch als „blau“ und als fließend geschildert, was eher an Wasser, also an das Grundmotiv, denken lässt. Im dritten Vers („Waldwärts Hörnerklang geschossen“) geht es um den Klang des Frühlings: Die Hörner rufen zur Jagd. Die Verse 3 und 4 bestehen aus Ellipsen. Diese verkürzten, aber dennoch verständlichen Sätze verstärken von ihrer Wirkung her die dynamische Kraft des Frühlings.

Wird zunächst die aufkeimende Natur, also das Äußere oder die reale Welt beschrieben, wechselt das Gedicht ab dem fünften Vers auf eine andere Sinnebene: Das lyrische Ich schildert nun Stimmungen und Gefühle, die der Frühling bei ihm auslöst. Diese zweite Ebene wird auch formal und sprachlich deutlich: Handelte es sich bei den Versen vorher um Zeilenstil, findet sich zwischen den Versen 5 und 6 sowie 7 und 8 jeweils ein Enjambement, also ein Zeilensprung. Auch die Wortwahl (Vers 5: „Wirren“, V. 6: „magisch“) verweist auf das Irrationale. Nachdem das lyrische Ich den Leser in Vers 8 direkt angesprochen hat („Lockt dich dieses Stromes Gruß“), tritt es zu Beginn der zweiten Strophe in Vers 9 erstmals auch direkt in Erscheinung („Und ich mag mich nicht bewahren!“). Dieser Vers macht deutlich, dass sich der Sprecher dem Strom des Frühlings anschließen und mit der als positiv empfundenen „wilden“ Natur vereinen möchte, um seine Sehnsucht nach einer anderen Welt (Vers 7: „In die schöne Welt hinunter“) zu stillen. Im Glanz des Morgenlichts, personifiziert in Aurora, der römischen Göttin der Morgenröte (V. 14: „Hoch Aurora flammend weht“), lässt das lyrische Ich seinen Alltag hinter sich und bricht auf zu einer Reise, deren Ziel es nicht kennt.

Eichendorffs Gedicht beschreibt den Frühling und seine dynamische Kraft zur Veränderung, zum Neubeginn. Der Text präsentiert sich als typischer Vertreter der Naturlyrik der Romantik: Die Natur wird ganz im Sinne der Romantik als positiv und die Verschmelzung von Mensch und Natur als erstrebenswert dargestellt. Das Gefühl und das Fühlen stehen gegenüber der Vernunft im Vordergrund. Getrieben von einer unbestimmten Sehnsucht nach einer neuen Welt, nach unerreichbaren Dingen, Orten und Wahrheiten, begibt sich der Mensch auf eine Reise ohne klares Ziel und öffnet damit die Tür zu einem neuen, reicheren Leben.     

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