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Erschließen eines poetischen Textes: Bertolt Brecht: „Leben des Galilei“


Lösung

Jeden Tag müssen wir uns entscheiden. Häufig ist uns gar nicht bewusst, wie sehr wir bei unseren angeblich „freien“ Entscheidungen beeinflusst werden. Den Einfluss können Medien, Werbung oder auch andere Personen ausüben. Gerade bei Entscheidungen von großer Tragweite ist der Rat anderer von großer Bedeutung. Ihm zu folgen birgt jedoch die Gefahr in sich, dass eine getroffene Entscheidung gar nicht dem eigenen Willen entspricht, da man zu stark beeinflusst wird.
Solch eine Situation stellt Bertolt Brecht im 12. Bild seines Schauspiels „Leben des Galilei“ dar, das im Folgenden erschlossen und interpretiert werden soll. Besonders wird auf die Redestrategie des Inquisitors geachtet. Abschließend wird die Darstellung des Machtgefälles zwischen Faust und Mephistopheles in Goethes „Faust“ untersucht.

In dem Gespräch zwischen dem Kardinal Inquisitor und Papst Urban VIII. geht es um das bevorstehende Verhör Galileis in Rom, der seine Lehre des heliozentrischen Weltbilds widerrufen soll. Dabei wird deutlich, dass der Papst, der den Wissenschaften aufgeschlossen gegenübersteht, sehr geschickt von seinem Kardinal beeinflusst wird und letztlich eine Entscheidung trifft, die im Grunde mit seinen Ansichten nur schwer vereinbar ist.
Nach einer kurzen Situierung der Szene (Z. 1–3) beginnt die Handlung des Bildes in Zeile 4 unvermittelt mit einer dreifachen, sehr heftig vorgebrachten Verneinung des Papstes, mit der er sich zunächst gegen ein Verbot der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnis ausspricht. Dem hält der Inquisitor recht lapidar entgegen, dass aus dieser Haltung eine völlige Umwälzung aller geltenden Glaubensgrundlagen resultieren werde.
Im anschließenden Abschnitt (Z. 12–59) skizziert der Inquisitor die Folgen der neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse. Zunächst legt er dar, was die Konzentration auf die Wissenschaft und deren auf dem Prinzip des Zweifels basierenden Erkenntnisgewinn bedeuten würde. Durch den denkenden und zweifelnden Menschen würden die Grundlagen von Religion und Moral erschüttert. Persönlich verantwortlich sei dafür der Papst. Im zweiten Schritt weist er mit Nachdruck auf die erschütterte Autorität des Papstes hin. Dazu führt er die Politik des Vatikans in Spanien sowie die Auswirkungen der Reformation in ganz Europa als Beispiele an. Schließlich nimmt der Kardinal die Wissenschaftler selbst ins Visier und zweifelt am Nutzen ihrer Ergebnisse. Er geht sogar so weit zu behaupten, dass sich die Menschen mehr für die Wissenschaften als für Gott interessierten. In diesem Zusammenhang fällt erstmals der Name Galilei. Ihm wirft der Kardinal zusätzlich vor, seine Abhandlungen bewusst nicht in der Gelehrtensprache Latein, sondern auf Italienisch veröffentlicht zu haben, um auch das einfache Volk zu erreichen.
Nach dieser langen Rede des Inquisitors setzt er seinen Dialog mit dem Papst fort (Z. 60 ff.). Der Papst geht zunächst nicht auf die Argumente des Inquisitors ein, führt ihm jedoch seine widersprüchliche Haltung im Hinblick auf die Sternkarten vor Augen: Der Kardinal befürwortet aus pragmatischen Gründen deren Verwendung für die Schifffahrt, obwohl sie auf seines Erachtens ketzerischen Ansichten beruhen. Der Papst lehnt es ab, Galilei zum Opfer der Inquisition zu machen, und begründet dies mit Galileis Bekanntheitsgrad sowie seinen Verbindungen ins Ausland, was für den Vatikan weitreichende außenpolitische Konsequenzen haben könnte. Er hofft, das Problem anderweitig lösen zu können. Der Inquisitor ist der Ansicht, dass es keines großen Drucks bedürfe, um Galilei zum Widerruf zu bewegen.
Im letzten Abschnitt (Z. 87–99) betont der Kardinal die Notwendigkeit eines Widerrufs, da Galilei das ihm vom Papst entgegengebrachte Vertrauen missbraucht habe. Darauf reagiert der Papst gekränkt und willigt ein, einen Inquisitionsprozess einzuleiten, was der Inquisitor süffisant kommentiert.

Aus dem gedanklichen Aufbau des 12. Bildes lassen sich Rückschlüsse auf die Figurenkonstellation und Figurenrede ziehen. Vor diesem Hintergrund kann wiederum die Redestrategie des Inquisitors aufgezeigt werden, mit der er den Papst zu einer Entscheidung im eigenen Sinne beeinflussen will. 
In Brechts Bild treffen zwei Vertreter der römisch-katholischen Kirche aufeinander. Mit dem Papst, dem Stellvertreter Jesu Christi auf Erden, und dem Kardinal bringt Brecht zwei hohe Würdenträger der Kirche auf die Bühne. Das Machtgefälle scheint zunächst klar: Der Papst hat das höhere Amt inne und ist somit Vorgesetzter des Kardinals. Unmittelbar nach dem Einsetzen der Handlung wird jedoch deutlich, dass die Rollen vertauscht sind. Nur an wenigen Stellen zeigt der Papst, über welche Macht er verfügt, wenn er z. B. befiehlt: „Hand weg von ihm!“ (Z. 77) Der Kardinal hingegen schert sich nicht um die vorgegebene Hierarchie. Er spricht den Papst zwar wiederholt mit dessen Titel „Eure Heiligkeit“ (vgl. Z. 5, Z. 98) an, doch scheint es dabei einen ironischen Unterton zu geben. An mehreren Stellen geht er auf die Aussagen des Papstes konkret ein (vgl. Z. 61 ff.) oder hakt nach. Dies tut er jedoch nicht, um sich zu vergewissern, sondern um die Position seines Gesprächspartners zu hinterfragen, was man in Zeile 69 gut erkennen kann, wo der Kardinal sagt: „Warum nicht? Man kann nichts anderes.“ Zudem beharrt er auf seiner Meinung, wenn es um den Inquisitionsprozess geht. Der Papst befiehlt, Galilei nicht anzurühren, woraufhin der Kardinal in Anspielung auf die mögliche Folter entgegnet: „Man wird praktisch bei ihm [= Galilei, Anm. d. Verf.] nicht weit gehen müssen“ (Z. 78). Es kümmert ihn also nicht, was der Papst sagt, sein Vorgehen bzw. sein Standpunkt sind so festgelegt, dass er sich nicht davon abbringen lässt.
Dies zeigt sich ebenfalls sehr deutlich an den Gesprächsanteilen, die ein Spiegelbild der verkehrten Hierarchie sind. Der Papst hat erst ab Zeile 65 nennenswerte Gesprächsanteile, die jedoch meist kaum länger als eine Zeile sind. In den Zeilen 80 bis 86 findet sich der einzig längere Part des Papstes: Er verteidigt hier Galilei und macht seine positive Einstellung gegenüber dem Wissenschaftler deutlich.
Der Hauptanteil des Dialoges liegt beim Inquisitor. Markant ist vor allem der lange argumentative Monolog in den Zeilen 12 bis 59. Hier trägt er Aspekte aus den verschiedensten Bereichen vor, um den Papst von der Notwendigkeit einer Anklage zu überzeugen. Während des gesamten Auftritts ist der Kardinal dem Papst nicht nur im Hinblick auf die Wortmenge überlegen. Er lässt sich nicht von seinem erklärten Ziel abbringen, Galilei zum Widerruf zu zwingen oder ihn der Inquisition zu überstellen. 
Dies spiegelt sich auch in der Sprache. Der Kardinal erweist sich als wortgewandter, gebildeter und in vielen Bereichen kundiger Mann. So beginnt er seine Rede mit einer langen hypotaktischen Konstruktion, die sehr polemisch darstellt, was passieren würde, wenn Galilei nicht zum Widerruf gezwungen würde (vgl. Z. 5–10). Er verwendet abwertende Bilder („Würmer von Mathematikern“, Z. 35), die seine Ablehnung der neuen Lehre verdeutlichen. Galilei selbst wird als „dieser Wahnsinnige“ (Z. 45) bezeichnet. Ein weiteres sehr geschicktes Mittel, mit dem der Inquisitor den Papst zu der gewünschten Entscheidung zu bringen versucht, sind Fragen, die nur eindeutige Antworten zulassen und im besten Sinne als rhetorisch zu bezeichnen sind. Zum Beispiel: „Sollen wir die menschliche Gesellschaft auf den Zweifel begründen und nicht mehr auf den Glauben?“ (Z. 18 f.) Bedenkt man, dass diese Frage dem Papst gestellt wird, dann liegt die Antwort auf der Hand. Als er sein Ziel erreicht hat, setzt der Kardinal in seiner abschließenden Aussage „Herr Galilei versteht sich auf Instrumente“ (Z. 98 f.) zudem Ironie ein, was durch die Verwendung der Anrede „Herr“ verstärkt wird. 
Der Papst dagegen ist derjenige, der reagiert und teilweise den Eindruck erweckt, als wäre er gar nicht bei der Sache, z. B. wenn er statt einer Antwort immer wieder auf die schlurfenden Schritte im Vorraum hinweist (vgl. Z. 70 f., Z. 93 f.). Dadurch versucht er auch zu verschleiern, dass der Kardinal Gründe und Tatsachen vorbringt, die er als Papst von Amts wegen nicht von der Hand weisen kann (vgl. Z. 60), und er dies sehr wohl weiß. Bis Zeile 94 tritt er jedoch noch als Verteidiger Galileis auf. Erst als er merkt, dass diese Haltung seinem Amt nicht angemessen ist, was ihm der Inquisitor auch sehr deutlich macht, stimmt er einem Vorgehen gegen Galilei zu. Auffallend ist, dass der Papst in seinen Verteidigungsreden zu parataktischen, einfachen Sätzen neigt: „Er hat Freunde. Da ist Versailles. Da ist der Wiener Hof.“ (Z. 75 f.) Das sind klare Aussagen, denen nichts mehr hinzuzufügen ist. Umso bedeutender sind die beiden Fragesätze des Papstes: „Was ist das jetzt wieder? Wer äußert also unsere?“ (Z. 91) Sie sind Ausdruck seiner Verwirrung, die auch ein Resultat des vorangegangenen Gedankenspiels des Inquisitors ist. Er scheint nicht mehr folgen zu können oder zu wollen. Sein Widerstand ist überwunden. 
Die Gesprächsstrategie des Kardinals ist sehr geschickt gewählt. Zu Beginn (Z. 5–10) schafft er es, durch seine überspitzten Formulierungen den Papst zu einer klaren Aussage für Galilei zu bewegen. Das gibt ihm Gelegenheit, in einem langen Monolog seine Gründe darzulegen, wobei er seine Argumentation im Verlauf dieses Abschnitts immer stärker zuspitzt. Zunächst spricht er in einem appellativen Ton kirchliche Traditionen sowie Moralvorstellungen an (vgl. Z. 12–25). Danach weitet er die Argumentation aus und kommt auf die Politik des Papstes zu sprechen, indem er auf die Folgen der unverstandenen päpstlichen Politik in Europa hinweist (vgl. Z. 26–34). Den Schluss bildet die Feststellung, Gott sei in dieser neuen Welt überflüssig und werde durch Maschinen ersetzt (vgl. Z. 50–57). Das würde bedeuten, dass die Institution Kirche und somit der Papst ebenfalls überflüssig wären. Verschärft wird diese Argumentation durch die Vorwürfe, Galilei sei ein Hetzer und würde bestechen (vgl. Z. 61). Doch auch damit kann er den Papst noch nicht zu einer Entscheidung in seinem Sinne bewegen. Immer wieder ergreift dieser Partei für Galilei. Erst als der Inquisitor Galilei einen hinterlistigen Vertrauensbruch nachweisen kann, reagiert der Papst persönlich gekränkt und stimmt ersten, eingeschränkten Maßnahmen gegen Galilei zu. Damit hat der Kardinal sein Gesprächsziel erreicht: Galilei wird der Inquisition übergeben. Um seinen Erfolg zu krönen, kann er sich die abschließende, ironische Bemerkung nicht verkneifen (vgl. Z. 98 f.). Deutlich wird, dass der Kardinal den Papst als Amtsinhaber moralisch zu dieser Entscheidung drängt, ihn quasi manipuliert, in seinem Sinne zu entscheiden. Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang auch die Gesprächssituation, d. h. die schlurfenden Schritte vor dem Zimmer. Diese Schritte stehen für die Kirchenvertreter, die auf eine Entscheidung des Papstes warten. Er fühlt sich dadurch einem massiven Druck ausgesetzt, was ihn verunsichert und unaufmerksam erscheinen lässt. In dieser angespannten Situation gelingt es dem Inquisitor sehr viel leichter, sein Ziel zu erreichen.

Brechts 12. Bild stellt eine in sich abgeschlossene Handlung dar. Das entspricht Brechts Intention des epischen Theaters. Es geht nicht mehr um die Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Die Akte sind überflüssig, da die einzelnen Szenen austauschbar sind und nicht zwangsweise auseinander hervorgehen. Der Zuschauer besitzt eine Distanz zum Bühnengeschehen, da er die historischen Hintergründe der Handlung kennt. Somit liegt das Interesse des Publikums nicht auf dem Ausgang, sondern auf dem Gang der Handlung. Entscheidend ist nicht die Frage „Was ist passiert?“, sondern „Wie konnte es dazu kommen?“. In diesem Zusammenhang ist das 12. Bild von zentraler Bedeutung, denn es liefert die notwendige Erklärung für die Entscheidung des Papstes, die Galileis Erwartungen nicht entspricht, da er den Papst als Freund der Naturwissenschaften kennt. Hinter verschlossenen Türen hat der Inquisitor die Gunst der Stunde genutzt, den Papst in seinem Sinne zu manipulieren. Die Machtverhältnisse haben sich umgekehrt. 

Ein ähnliches Verhältnis zwischen zwei Figuren wird in Goethes „Faust“ dargestellt. Mephisto, ein gefallener Erzengel, wettet mit Gott, dass es ihm gelingen wird, den bekannten Gelehrten Faust auf seine Seite zu ziehen. Gott geht auf diese Wette ein, da er von Fausts Standhaftigkeit überzeugt ist. Mephisto gelingt es, mit Faust einen Pakt zu schließen: Kann Mephisto Faust Erfüllung und Lebensglück verschaffen, dann will Faust ihm seine Seele verschreiben. Dieser Vertrag wird mit Blut unterzeichnet. Auf den ersten Blick handelt es sich um zwei gleichwertige Vertragspartner, zwischen denen vermeintlich ein Machtgleichgewicht herrscht.
Mephisto verhält sich Faust gegenüber jedoch unterwürfig, bekräftigt mehrmals, ihm im Diesseits dienen zu wollen und ihm den gewünschten Genuss zu verschaffen. Somit präsentiert er sich als Untergebener. Der Zuschauer weiß aber um den Hintergrund der Handlung, sodass schnell klar ist: Mephisto spielt die Rolle des Untergebenen lediglich vor, denn in Wahrheit ist es Mephisto, der Faust in der Hand hat und Macht über ihn ausübt, da er ja die Wette mit Gott gewinnen will.
Dadurch entsteht ein eindeutiges Machtgefälle zwischen den beiden Protagonisten, das von Faust aber nicht erkannt werden kann. Er weiß nicht, dass er zum Spielball einer Wette geworden ist, weshalb alle Handlungen Fausts nichts anderes als Folgen von Mephistos Einfluss sind. Ohne Mephistos Hilfe gäbe es keinen Schmuck, mit dem Gretchen beeindruckt wird, keine Schlaftropfen, mit denen die Mutter umgebracht wird, und auch keinen Degen, mit dem Valentin, Gretchens Bruder, im Kampf tödlich verletzt wird. Letztlich führt diese Abhängigkeit zur Katastrophe, zu Gretchens Tod. Faust ist davon überzeugt, selbstbestimmt zu handeln und dem Teufel Befehle geben zu können. Er hat keine Ahnung, in welchem Ausmaß er von Mephisto manipuliert wird.
Unter diesem Aspekt gibt es deutliche Gemeinsamkeiten zwischen Brechts Stück und Goethes Drama. In beiden Fällen werden Menschen manipuliert, Entscheidungen im Sinne anderer zu treffen. Diejenigen, die meinen, von Amts wegen oder aufgrund ihres Wissens Macht zu besitzen, sind in Wahrheit ferngesteuerte Objekte. Von den Folgen dieser schwerwiegenden Manipulationen betroffen sind mit Galilei und Gretchen Figuren, die ungewollt zwischen die Fronten unterschiedlicher Interessen geraten.

Es ist naiv, davon auszugehen, der Mensch könnte Manipulationen entgehen. Vor ihnen ist niemand sicher. Gleichgültig welche Entscheidungen im Lauf eines Lebens getroffen werden, es sollte stets aus eigenem Antrieb und mit dem nötigen Verantwortungsbewusstsein geschehen. Ratgeber sind häufig unerlässlich, jedoch sollte man sich unter Umständen auch noch an anderer Stelle Rat und Hilfe holen und keine Entscheidungen überstürzt treffen. Bei jedem Entscheidungsprozess sollte die Frage berücksichtigt werden: „Wem nutzt es?

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