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Erschließen eines lyrischen Textes, Gedichtinterpretation: F. Grillparzer: „Entsagung“


Lösung

Das Gedicht „Entsagung“ von Franz Grillparzer, der von 1791 bis 1872 lebte, entstand im Jahr 1836. Damit fällt es in die literaturhistorische Phase des Biedermeier, die im Allgemeinen von 1815 bis 1848 angesiedelt wird. Um einen Gegenpol zu den politischen Umbrüchen nach dem Wiener Kongress 1815 zu bilden, beschäftigte sich die neu entstehende Literatur des Bürgertums mit Thematiken wie Beschaulichkeit, Privatleben, Mäßigung und Ordnung; dabei entstand eine konservative Grundhaltung, die auch die aus heutiger Sicht hausbackene Konnotation des Adjektivs „bieder“ bedingte. Auch Grillparzer beschäftigt sich in seinem Gedicht „Entsagung“ mit dem Thema Mäßigung: Hier wird der Besitzgier des Menschen eine Absage erteilt und sich stattdessen für die Entsagung von materiellen Besitztümern ausgesprochen. Der Mensch, im Gedicht mit „du“ angesprochen, soll sich frei von Abhängigkeiten machen, um schließlich zu sich selbst zu finden, was im Gedicht als der einzig wahre Besitz bezeichnet wird.

Im Folgenden soll das Gedicht unter Einbeziehung eines Zitats von Erwin Strittmatter genauer erschlossen und interpretiert werden.

Das Gedicht beginnt in der ersten Strophe mit der Ankündigung einer Lehre, die schon seit langer Zeit und auch heute noch vertreten wird: Der Mensch müsse allen Besitz entbehren bis auf den, den er verschmähe. Man könne also nur das besitzen, was man zunächst von sich gewiesen habe. Als Beispiele werden in der zweiten Strophe Essen, Getränke und der Kuss des Liebsten genannt, die denjenigen, der sie zu besitzen glaubt, davon abhängig machen. Die Abhängigkeit liegt in der Art der Naturmächte begründet, wie in der dritten Strophe erklärt wird, denn sie lassen keinen Raum für Freiheit außerhalb ihrer Gesetze. So entsteht das in Strophe vier geschilderte Verhältnis der Abhängigkeit: Der Mensch ist abhängig von allem, was er glaubt zu besitzen, und muss sich daher allen Dingen unterwerfen, die er zu beherrschen glaubt. Das Gedicht endet mit einem Appell in der fünften Strophe: Aller Besitz, den man von sich weist, werde zurückkehren. Hat man allen materiellen Dingen entsagt, so findet man zu dem einzig wahren Besitz, der in jedem Menschen gefunden werden kann, und gelangt zu sich selbst.

Das Gedicht macht einen gleichmäßigen und geordneten Eindruck. Die Verszeilen sind insgesamt von ähnlicher Länge. Es fallen keine besonderen visuellen Merkmale auf, bis auf die Leerzeilen, die das Gedicht in Strophen unterteilen.

Dieser Eindruck wird durch eine Untersuchung der formalen Gestaltungsmittel verstärkt. Das Gedicht besteht aus fünf Strophen zu je vier Verszeilen. Versmaß und Metrum sind sehr gleichmäßig ohne Abweichungen. Grillparzer hat für sein Gedicht einen fünfhebigen Jambus verwendet, der das Gefühl der Regelhaftigkeit und Ordnung im Gedicht hervorruft. Er schließt damit an die bevorzugten Thematiken der Ruhe und Ordnung im Biedermeier an. Auch die Kadenzen sind harmonisch: Die erste und dritte Verszeile sind weiblich (unbetont), die zweite und vierte Verszeile jeweils männlich (betont). Die Strophenform kann wegen der vierzeiligen Strophen als Volksliedstrophe bezeichnet werden, jedoch verwendet Grillparzer fünf statt der üblichen vier Hebungen. Das Reimschema wird aus Kreuzreimen (abab) gebildet, die sich aus reinen Endreimen zusammensetzen. Die einzigen Abweichungen sind in den Versen 9 und 11 zu finden, wo ein unreiner Reim auftritt, sowie in den Versen 5 und 7, wo die Reime gleichlautend sind. Das Reimschema dient einerseits der Bereicherung der klanglichen Qualität des Gedichts, andererseits der Unterteilung der Verse in Strophen. Zudem werden durch den Reim Aussagen über mehrere Verszeilen hinweg miteinander verknüpft, wie etwa die Beschreibung der Vorgehensweise der Naturmächte in Vers 9, die in Vers 11 fortgesetzt wird, und der Gegensatz „herrschen – Knecht“ in Vers 14, der in Vers 16 seine Entsprechung im Gegensatz „Pflicht – Recht“ findet. Bei der Untersuchung der verwendeten Klangfiguren fällt zweierlei auf: In Vers 20 häufen sich Pronomina, die mit „d“ beginnen und sich somit als Alliteration ausweisen, und in Vers 3 treten mehrfach Wörter mit dem Vokal „e“ auf. Beide Klangfiguren werden verwendet, um eine zentrale Aussage hervorzuheben, nämlich in Vers 3 die Entsagung als das Schicksal des Menschen und in Vers 20 die Selbstfindung als erstrebenswertestes Ziel der Entsagung.

Bei einer Analyse der sprachlichen Gestaltungsmittel fallen Besonderheiten im Bereich des Satz- und Versbaus, der Wortwahl und des sprachlichen Stils auf. Es überwiegt der Zeilenstil, das heißt, in jeder Strophe stimmen die Haupt- beziehungsweise Nebensätze mit dem Ende der Verszeile überein. Die Strophen eins bis drei bestehen aus jeweils nur einem Satz, die Strophen vier und fünf aus jeweils zwei Sätzen. So wird der gedankliche Aufbau der Sätze durch die Vers- und Strophenform unterstützt. Grillparzer setzt gezielt einige ungewöhnliche Satzstellungen ein. Beispielsweise wird in Vers 8 das Verb „bist“ ausgelassen, um das Metrum einhalten zu können. In Vers 3 wird das Schlüsselwort „Entbehren“ nachgestellt, um es zu betonen (Inversion). In den Versen 3 und 9 werden Prolepsen verwendet, indem der Satz nach dem Nomen abgebrochen und durch ein Pronomen fortgeführt wird, um das Metrum einzuhalten; dabei wird in Vers 3 („ew’ges Los, es heißt: Entbehren“) der Satz nach der Prolepse mit dem Schlüsselwort fortgesetzt. Inversion und Prolepse hängen in Vers 3 also zusammen und dienen der Betonung von „Entbehren“, das ein Synonym für die titelgebende „Entsagung“ ist.

Auch Stilmittel der Wiederholung wurden verwendet. In den Versen 17 und 18 verdeutlicht ein Chiasmus den inhaltlichen Gegensatz der Aussagen, indem der Satzbau gespiegelt wird: „Nur was du abweist, kann dir wieder kommen“ (V. 17) und „Was du verschmähst, naht ewig schmeichelnd sich“ (V. 18). Diese beiden Verse können zudem als Parallelismus betrachtet werden, da sich die Sätze sowohl im Aufbau als auch in der Aussage entsprechen. In den Versen 13 und 14 findet sich ein weiterer Chiasmus, der allerdings weniger schön ausgeprägt ist, da er in Vers 13 durch den Relativsatz „All, was du hältst“ gestört wird.

Auch im Bereich der Wortwahl gibt es Bemerkenswertes. Die Begriffe „Entsagung“ (Strophen eins und fünf), „Besitz“ (Strophe zwei), „Naturmächte“ (Strophe drei), „Abhängigkeit“ (Strophe vier) und „Selbstfindung“ (Strophe fünf, letzter Vers) lassen sich als Schlüsselwörter definieren und sind jeweils das Thema einer Strophe. Der Entsagung sind zwei Strophen gewidmet, die erste und die letzte, der Selbstfindung weist Grillparzer den bedeutsamen Platz im letzten Vers zu. Das Wortfeld „Entsagung“ wird mit Wörtern wie „ewig“ (V. 3), „Los“ (V. 3), der Verbgruppe „abweisen/entbehren/versagen/verschmähen“ und „Abschied“ gebildet. Diese hinterlassen beim Leser ein Gefühl des Determinismus und der Abkehr. Zudem werden in Strophe fünf einige Antithesen verwendet: „abweisen – wieder kommen“ (V. 17), „verschmähen – nahen“ (V. 18) und „Abschied nehmen – erhalten“ (V. 19). Hier werden Nachteile und Vorteile der Entsagung gegenübergestellt. Der Vorteil, also die Rückkehr eines gewissen Teils des Besitzes, ist jedoch hintangestellt und wird somit betont. Der Erhalt von wertvollem Besitz, der sich im letzten Vers als Selbstfindung herausstellt, ist also das Ziel von Entsagung und wird als erstrebenswert dargestellt. Dem Schlüsselwort „Besitz“ sind Wörter wie „Speise“ (V. 5), „Götterwein“ (V. 6), „Kuß“ (V. 7), „der Teure“ (V. 7), „frohes Fest“ (V. 6) und „erquicklich“ (V. 5) zugeordnet. Diese Begriffe sind positiv besetzt, werden aber in Vers 8 verknüpft mit Bedarf und Abhängigkeit, wodurch sie in Strophe zwei einen zunächst vagen negativen Beigeschmack erhalten. Denn die Naturmächte, die in Strophe drei mit Begriffen wie „alther“ (V. 9), „notwendig“ (V. 9), „Mächte“ (V. 9), „hassen“ (V. 10), „ewige Rechte“ (V. 11), „reißen“ (V. 12), „lauernd“ (V. 12) und „Machtgebiet“ (V. 12) belegt werden, lassen keine freien Entscheidungen über Besitz zu. Sie sind deutlich negativ besetzt, werden aber als notwendig beschrieben (vgl. V. 9). Das Thema der Abhängigkeit von Besitztümern wird in Strophe vier näher charakterisiert durch Antithesen wie „halten – gehalten“ (V. 13), „herrschen – Knecht“ (V. 14), „Pflicht – Recht“ (V. 16) und „dein – sein“ (V. 8), die den Zwiespalt von Besitz näher beschreiben: Einerseits besitzt man etwas, andererseits übt dieser Besitz eine Macht über seinen Besitzer aus. Grillparzer betont in Strophe fünf, dass sich der Mensch durch Entsagung aus diesem Abhängigkeitsverhältnis befreien kann. Im letzten Satz verspricht er die Selbstfindung durch Entsagung. Diesem zentralen Schlüsselwort sind die Pronomina „du“, „dir“, „das deine“ und „[d]ich“ (alle V. 20) zugeordnet, die zudem eine Alliteration bilden.

Die Pronomina in Vers 20 sind eine geschickte Konstruktion Grillparzers: „[D]u“ und „dir“ sind Personalpronomina, die zu Beginn des Satzes stehen und somit seinen appellativen Charakter schaffen. „[D]as einzig deine“, das man durch Entsagung als wirklichen Besitz finden kann, wird durch ein Possessivpronomen ausgedrückt („das deine“), das ein besitzanzeigendes Pronomen ist und sich daher mit der inhaltlichen Aussage hervorragend deckt. Das, was man erhalten kann, wird nun auch genannt: „dich“, ein Reflexivpronomen, das den Rückbezug auf die Selbstfindung zulässt; Grillparzers Wahl der Wortart bezieht sich direkt zurück auf den Menschen, der das Gedicht liest.

Durch die sorgfältige Wortwahl gelingt es Grillparzer, bestimmte Stimmungen im Gedicht aufzubauen und assoziative Verknüpfungen beim Leser erst hervorzurufen und dann aufzubrechen. Wie oben bereits geschildert ist das Schlüsselwort „Besitz“ positiv, der Begriff „Naturmächte“ negativ besetzt. Der Besitz, symbolisch dargestellt durch Speise, Getränke und Liebeskuss, wird jedoch zunächst in Vers 8 („Dein wär’s? Sieh zu! ob du vielmehr nicht sein.“), vor allem aber durch die Antithesen in Strophe vier entlarvt als Abhängigkeit schaffend. Dem gegenüber steht die Entsagung, die zuerst negativ erscheint, da „[Entbehren] [d]es Menschen ew’ges Los“ (V. 3) ist. In Strophe fünf wird bereits durch die Antithesen, in denen das Positive an der Entbehrung betont wird, angedeutet, dass Entbehrung Vorteile mit sich bringt. Letztendlich wird die negative Assoziation von Entsagung erst in Vers 20 in das Gegenteil verkehrt, als der positiv bewertete Selbstfindungscharakter von Entsagung deutlich wird.

Der Sprachstil des Gedichts weist eine dichterisch leicht überhöhte Stilebene auf, merkbar vor allem an Wörtern wie „altergrau“ (V. 1) und „erquicklich“ (V. 5), die dem Gedicht einen erhabenen Ton verleiht.

Weiterhin sind einige Sprachbilder auffällig. Der in Vers 6 erwähnte Götterwein steht allegorisch für den Genuss weltlicher Güter, die dem Menschen eigentlich nicht zustehen, sondern für die Götter gedacht sind. Der im Zusammenhang mit dem Besitz erwähnte Kuss auf den „heißen Mund[...]“ (V. 7) ist eine Metapher für Liebe und Leidenschaft. „Speise“ und „Götterwein“ und Kuss gemeinsam sind Symbole für die Besitztümer, nach denen der Mensch giert. Sie stillen die Grundbedürfnisse des Menschen nach Nahrung, Wasser und Liebe. Darin ist aber auch enthalten, dass der Mensch ohne diese Dinge nicht überleben bzw. leben kann. Dieser Abhängigkeit erteilt Grillparzer eine Absage durch seinen Appell, die Genusssucht aufzugeben. Der Mensch soll im übertragenen Sinn nicht leben, um zu essen, sondern essen, um zu leben. Durch den Verzicht auf alle Genüsse kann sich der Mensch laut Grillparzer aus der Abhängigkeit von Besitz befreien. Ein Hindernis bei dieser freien Willensentscheidung sind die Naturmächte. Sie werden von Grillparzer personifiziert, indem er ihnen zuschreibt zu „hassen […] und [zu] reißen“ (V. 10 ff.). Die Naturmächte begünstigen mit ihren negativen Eigenschaften das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Mensch und Besitz, das festen Bahnen folgt und wie ein eigenes Gesetz wirkt. Die freie Entscheidung, allen Besitz aufzugeben, muss folglich gegen diese Naturmächte getroffen werden.

Auch Erwin Strittmatter hält den Menschen für ein unzufriedenes Wesen, das auf Besitz aus ist, der über das auf der Erde Verfügbare hinausgeht. Sichtbar wird dies in der heutigen Zeit immer deutlicher am Ressourcenhunger der Menschheit. Nach der Lektüre von Grillparzers Gedicht „Entsagung“ ist dieser Besitzgier mit Entbehrung beizukommen. Der Mensch müsste also erkennen, dass materieller Besitz nicht ewig, sondern vergänglich ist, und diesen Gütern abschwören. Nur so kann der Mensch zu sich selbst finden und wieder zufrieden sein mit dem, was auf der Erde vorhanden ist. Insofern kann von Grillparzers Gedicht als Sittengedicht gesprochen werden, das den Leser zu der Tugend der Entsagung erziehen will.

Ein solcherart von Besitztümern abgekehrtes Leben, in dem das persönliche Dasein und Seelenfrieden wichtiger sind als die materielle Repräsentation nach außen, ist typisch für die konservative Strömung des Biedermeier. Beschaulichkeit in der eingekapselten Welt der kleinbürgerlichen Wohnung gewann hier an Bedeutung. Die Themen des Rückzugs ins Private und der Entsagung wurden unter anderem von Autoren wie Adalbert Stifter und Eduard Mörike aufgenommen.

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