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Erschließen eines literarischen Texts: Gedichtinterpretation: J. v. Eichendorff: „Der Unbekannte“


Lösung

a)

Joseph von Eichendorff gilt wohl als bekanntester Dichter der Romantik. Seine Studienzeit in Heidelberg und Halle war die Voraussetzung für sein typisch romantisches Gedankengut. Besonders dominant in seinen Werken erscheint das Motiv der Wanderschaft.

In seinem Gedicht „Der Unbekannte“ trifft ein unbekannter Wanderer in einem idyllischen, geordneten Dorf ein und ermöglicht dort einer jungen Familie den Blick in eine fremde und aufregende Welt, die Faszination und Sehnsucht weckt.

Genau diese Sehnsucht, das Wandermotiv sowie die Harmonie zwischen Geist und Natur stehen für die Ideale der Romantik und werden alle in Eichendorffs Werk thematisiert.

Im Folgenden wird Eichendorffs Gedicht „Der Unbekannte“ mit Bezug auf Christiane Krautscheids Text „Und jeder Schritt des Wanderers ist bedenklich“ analysiert und interpretiert. Anschließend soll auf die Frage eingegangen werden, warum Faszination von der Begegnung mit Unbekannten ausgehen kann.

Die erste Strophe des Gedichts leitet in den zeitlichen und örtlichen Rahmen ein, indem eine sommerliche und frühabendliche Landschaft kreiert wird. Die zahlreichen Schilderungen der Natur sowie die dörfliche Atmosphäre, die durch den kirchlichen Glockenschlag hervorgerufen wird, sind typisch für die Epoche der Romantik (V. 1–4). Durch die Einführung des Wanderers und damit eines Fremden in Vers 5 wird die entstandene alltägliche Idylle unterbrochen.

Im weiteren Gedichtverlauf scheint sich der Wanderer jedoch harmonisch in die Gesamtsituation einzufügen, indem er von einem Familienvater zum Essen in seiner Gartenlaube eingeladen wird. Dennoch besteht ein Kontrast zwischen dem Fremden und der Familienidylle, die durch den gelockten Jungen auf dem Schoß der Mutter abgerundet wird. Besonders die Frau des Gastgebers rückt in diesem Abschnitt in den Mittelpunkt und scheint von dem Wandersmann fasziniert zu sein.

Auch in der dritten Strophe wird das Augenmerk auf die junge Frau gelegt, da aus ihrer Perspektive die gegensätzliche Wirkung des Wanderers näher beschrieben wird. Er erscheint ihr vertraut und wirkt gleichzeitig durch seine anmutige Fremdheit geheimnisvoll und anziehend auf sie.

In den Versen 19 bis 24 weiß der Unbekannte von seinen Reisen in ferne, unbekannte Welten auf fesselnde Art und Weise zu erzählen. Er berichtet kontrastreich von Bergen und Meeresgründen, die er bereits erkundet hat, sowie von Italien, das als Sehnsuchtsland der Romantik gilt. Obwohl der laue Abend sich dem Ende neigt, die kühle Nacht anzubrechen droht und somit die Realität im Gedicht präsent ist, gelingt es dem Wanderer dennoch, seine Zuhörer auf eine Gedankenreise an fast überirdisch schöne Orte mit kristallenen Inseln mitzunehmen und eine magische Stimmung zu erzeugen.

Erst die direkte Rede des Familienvaters und damit sein Unverständnis gegenüber dem rastlosen Wanderdrang des Fremden zu Beginn der Strophe 5 stellen einen Bruch im Gedicht dar. Alle Beteiligten werden dadurch letztendlich in die Wirklichkeit zurückgeholt und der bis dahin harmonischen Atmosphäre entrissen. Im Gegensatz zur bisherigen idyllischen Stimmung entwirft der Hausherr nun die Vorstellung einer bürgerlichen Lebensführung mitsamt Sesshaftigkeit und Heirat, die einem romantischen Lebensstil widerspricht (V. 25–30).

Daraufhin erfolgt in der letzten Strophe der abrupte Aufbruch des Wandersmanns, der damit die Lebensauffassung des jungen Mannes konsequent ablehnt. Stattdessen verschwindet er in der nächtlichen Natur, um in seine Heimat, wahrscheinlich die Wanderung, aufzubrechen. Die junge Familie bleibt allein zurück und nimmt die Natur als Folge der Begegnung mit dem Fremden nun verändert und überirdisch wahr. Diese Tatsache zeichnet den Wanderer letztendlich als einen göttlichen Boten aus (V. 31–36).

Typisch für die Epoche der Romantik ist die sogenannte Volksliedstrophe, die durch formale Schlichtheit und Regelhaftigkeit gekennzeichnet ist. Das sechsstrophige Gedicht von Eichendorff erinnert durch seinen Aufbau sehr an diese Strophenform. Alle sechs Strophen werden jeweils aus sechs Versen aufgebaut. Hierbei sind die ersten vier Verse durch einen Kreuzreim mit sich anschließendem Paarreim (ababcc) verbunden. Bei den Endreimen handelt es sich stets um reine Endreime. Es fällt auf, dass vorwiegend weibliche Kadenzen zu erkennen sind (aa und cc), die das Gedicht weicher klingen lassen. Das durchgängige Metrum ist ein fünfhebiger Jambus, der durch seine regelmäßigen Senkungen und Hebungen ebenfalls eine weiche und fließende Wirkung erzielt. Reim, Metrum und Inhalt erzeugen daher insgesamt eine harmonische Stimmung.

Allerdings kann man auch Abweichungen vom Metrum erkennen, denn gelegentlich wird die erste Silbe betont. In Vers 5 kommt es zur Betonung des Wortes „Da“, was das Auftreten des Wanderers in der Ferne der Natur hervorheben soll. Dies steht im Kontrast zum „Hier“ in Vers 27 als Vorschlag des Verweilens. Ebenso soll die Betonung von „Ruh“ (V. 30), bekräftigt durch „endlich“ (V. 30) und den Imperativ (V. 30), das Unverständnis des Familienvaters über die Wanderlust des Fremden verdeutlichen. Der plötzliche Aufbruch des Wanderers in Vers 31 wird durch die Betonung von „Da“ als wichtiger Einschnitt gekennzeichnet. Auch im letzten Vers des Gedichts betont das „So“ die veränderte Naturwahrnehmung der Familie nach dem Abschied des Fremden.

Vergleicht man Satz- und Versbau miteinander, so fällt auf, dass die Verszeilen des Gedichts mit dem Satzbau übereinstimmen. Ein Satz kann sich zwar oft über mehrere Verse erstrecken, dennoch bilden die einzelnen Verse Sinneinheiten. Darüber hinaus unterstützt die Interpunktion am Strophenende die inhaltliche Einheit pro Strophe. Infolgedessen entsteht ein gleichmäßiger und geordneter Eindruck des Gedichts, dessen Versbau ebenso den Aufbau der Sätze unterstützt. Jedoch sind hier auch Abweichungen zu erkennen. Die direkte Rede und der Imperativ in Strophe 5 (V. 25: „Hast viel erfahren, willst Du ewig wandern?“; V. 30: „Ruh endlich aus, brauchst nicht allein zu ruhen.“) unterbrechen die harmonische Gestaltung des Gedichts. Auf diese Weise wird der inhaltliche Bruch unterstrichen, nämlich die bürgerliche Idealvorstellung einer sesshaften Lebensweise des Hausherrn im Kontrast zum romantischen Lebensstil des Wanderers und seinem damit zusammenhängenden abrupten Aufbruch.

Ein komplexer und hypotaktischer Satzbau verdeutlicht in den betreffenden Strophen die Vielschichtigkeit hinsichtlich der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Unbekannten. Ein einfacherer und parataktischer Satzbau liegt hingegen in den Strophen vor, die sich mit dem Dorf und der schlichten Lebenswelt der Gastgeber beschäftigen.

Zentrales Bedeutungsfeld im Gedicht „Der Unbekannte“ ist die Natur, deren Darstellung in Eichendorffs Werk jedoch unterschiedliche Konnotationen erhält. In Strophe 1 wird sie vor allem auf reale und greifbare Art beschrieben, wodurch die Idylle und die Beschaulichkeit des kleinen Ortes gekennzeichnet werden soll. Auch die Verwendung von ruhigen und sachten Verben betont die Bodenständigkeit (V. 2: „Die müden Vöglein gingen auch zur Ruh“). Im Reisebericht des Unbekannten findet dagegen bereits eine Glorifizierung und Mystifizierung der Natur statt („Krystall’ne[] Inseln“, V. 22; „wunderbar“, V. 24; „Glocken, die im Meeresgrunde schlagen“, V. 23), die schließlich im Spirituellen mit überhöhten Begriffen und Begriffspaaren endet. So wird in Vers 31 beispielsweise von „blüh[enden] Sternen“ und in Vers 35 von „himmlisch[em] Klingen“ gesprochen.

Auch die gegensätzlichen Bedeutungsfelder „Wandern“ bzw. „Ferne“ und „Sesshaftigkeit“ werden im Gedicht immer wieder aufgegriffen. Durch diese Gegenüberstellung erscheinen die beiden im Gedicht vorkommenden Lebensentwürfe noch kontrastreicher. Das gesamte Werk Eichendorffs wird durch diese divergenten Bedeutungsfelder geprägt und bestimmt. Eine weitere Gegensätzlichkeit im Gedicht tut sich zwischen der Frau und dem Wanderer auf. Obwohl Letzterer auf die junge Frau „fremd und seltsam“ (V. 14) wirkt, wagt sie es dennoch, immer wieder ihren Blick „halb scheu, halb lose“ (V. 11) auf ihn zu richten, da von ihm trotz allem eine gewisse Vertrautheit (V. 13) und Anziehungskraft ausgeht.

Neben diesen antithetischen Bedeutungsfeldern im Gedicht fällt die bildliche Sprache auf. Der Vergleich der Gesichtszüge des Wanderers mit fernem Wetterleuchten (V. 16) soll verdeutlichen, dass dieser Fremde durch seine Ankunft im Dorf die alltägliche Routine unterbricht und dass von ihm gleichzeitig Erhellung und Bedrohung der Normalität ausgehen. Dazu schließt sich in Vers 18 passend der Vergleich „wie in den Himmelsgrund zu schauen“ an. Der Blick der jungen Mutter in die Augen des Wanderers ist ebenso reizvoll und gefährlich wie der Blick in den Himmel, der durch eine religiöse Konnotation den Blick in eine neue, fremde und mystische Welt bedeutet. Denn auch hier besteht die Gefahr, dass man etwas erkennt, was man nicht sehen sollte, vielleicht die Erkenntnis, aus seinem bisher routinierten und bürgerlichen Leben ausbrechen zu wollen.

Diese mystische und magische Stimmung zeigt sich erneut in Strophe 6. Beim Aufbruch des Wandersmanns ist „himmlisch[es] Klingen“ (V. 35) zu hören und „So sternklar war noch keine Nacht“ (V. 36) bis zu diesem Zeitpunkt. Diese idealisierte und veränderte Naturwahrnehmung verdeutlicht die Folgen seines Besuchs. Da seine Anziehungskraft bereits in der dritten Strophe aus der Sicht der Frau geschildert wurde, wird womöglich auch in den letzten Versen ihre Gefühlswelt beschrieben.

Darüber hinaus wird nicht nur die Natur in der letzten Strophe überhöht abgebildet, auch die Reiseerzählungen des Fremden in Strophe 4 klingen idealisiert, klangvoll und märchenhaft. All diese Erlebnisse erscheinen dadurch noch weniger greifbar. Einen Gegenentwurf dazu bildet das einfache, bürgerliche Leben, das durch realitätsnahe Begriffe wie „Gärtchen“ (V. 28), „Herd“ (V. 28) und „reiche Truhen“ (V. 29) materiell Fassbares darstellt.

Das Reisemotiv ist ein zentrales Thema der Romantik, was in Eichendorffs Gedicht durch die Gegenüberstellung zweier Lebensentwürfe hervorgehoben wird. Der Gastgeber bringt mit seiner Frage „Willst Du ewig wandern?“ (V. 25) seine Verwunderung über den Lebensstil des Fremden zum Ausdruck. Für ihn macht das Leben anscheinend erst einen Sinn, wenn man angekommen ist und mit einem Partner an der Seite ruhen kann (V. 30) und damit zufrieden ist. Der Mann wird in dem Gedicht als Stereotyp für das biedermeierliche Leben beschrieben, das den Kontrast zur Romantik darstellt. Der unbekannte Wanderer als „Personifizierung romantischer Sehnsucht nach dem Unendlichen“ (Text B, Z. 2) verdeutlicht dies.

Der plötzliche Aufbruch des Fremden als Reaktion auf die direkte Rede des Hausherrn kann als Flucht vor dem philisterhaften Leben gesehen werden. „Der romantische Wanderer ist immer auf der Suche: nach einem unbekannten Glück, nach einer entfernten Geliebten, einem Seelenfreund“ (Text B, Z. 6 f.). Zwar wird dem Wandersmann in Strophe 5 alles geboten, was für den Normalbürger wichtig erscheint, um glücklich zu werden („Herd“, „kleines Gärtchen“, „reiche Truhen“), aber dennoch zieht er in Strophe 6 weiter in die Ferne und rastet nicht einmal, um kurz über Nacht Ruhe zu finden. Denn er sehnt sich danach, „erneut auszuziehen“ (Text B, Z. 7). Bei seiner Verabschiedung spricht er die Worte: „Gesegn’ euch Gott! mein Heimatland liegt ferne. –“ (V. 33)

Durch den Gedankenstrich wird eine Pause erzeugt, die zum Nachdenken anregt und Platz für eigene Ergänzungen offenlässt. Es bleibt unklar und damit eine bewusst gesetzte Leerstelle, wo sich das Heimatland des Wanderers befindet. Denkbar wäre, dass seine rastlosen Wanderungen durch die Natur und das Reisen selbst seine Heimat bilden. Das Wandern ist sein Ziel und nicht die Ankunft an einem bestimmten Ort, denn „[z]ur unbestimmten Sehnsucht paßt das Wandern ins Blaue besser als eine zielgerichtete Fahrt“ (Text B, Z. 4 f.).

b)

In Eichendorffs Gedicht bildet der Wanderer das zentrale Motiv. Dennoch trägt das Gedicht nicht den Titel „Der Wanderer“, sondern „Der Unbekannte“. So wird deutlich, dass besonders das Fremde des Wanderers in den Mittelpunkt rückt und nicht der Wandersmann selbst. Bei der ersten Begegnung des Rastlosen mit der Frau wird deutlich, dass etwas Geheimnisvolles und Faszinierendes von dem fremden Mann ausgeht und die junge Frau davon magisch angezogen scheint. Sie wirkt zwar verunsichert und irritiert in der Gegenwart des Fremden und kann ihn kaum anblicken (V. 11), gleichzeitig aber wecken seine Anwesenheit und seine unergründlichen Augen eine tiefe Neugierde in ihr, die ein gewisses Interesse an neuen Erfahrungen voraussetzt. Die allgemein ambivalente Wirkung von unbekannten Dingen wird dadurch deutlich.

So können einen beispielsweise fremde Kulturen auf Reisen nur faszinieren, wenn auch ein gewisses Interesse daran vorhanden ist und man sich dafür begeistern kann. Man findet sich aus seiner alltäglichen Lebenswelt herausgelöst und ist somit frei für neue Dinge, wodurch man seine „Sehnsucht nach dem Fremden“ (Text B, Z. 11) stillen kann. Gleichzeitig bedeutet das Fremde, neue Erfahrungen zu machen und sich gegebenenfalls weiterzuentwickeln. Aufregende Erlebnisse können lediglich dem Unbekannten zugeordnet werden, da es im Gegensatz zu täglichen und gewohnten Ereignissen Spannung und Aufregung erzeugen kann.

Durch diese neuen Erfahrungen, die mit dem Unbekannten zusammenhängen, bietet das Fremde immer auch eine Projektionsfläche für eigene Wünsche und Sehnsüchte, die im Alltag nicht erfüllt werden können. Es bietet sich daher die Chance, etwas Neues zu beginnen. So böte sich exemplarisch auch für die Frau im Gedicht die Möglichkeit, ihr bisher bürgerlich-philisterhaftes Leben hinter sich zu lassen und mit dem Wanderer in die weite Welt zu ziehen. Genau diese Möglichkeit scheint sie mit der Ankunft des Unbekannten zu erahnen, weshalb sie sich ihm gegenüber so zwiespältig verhält. Einerseits spürt sie die Neugierde in sich, andererseits ist sie skeptisch und vorsichtig, da sie Gefahr läuft, ihren bisherigen bürgerlichen Lebensentwurf infrage stellen zu müssen, falls sie begänne weiter über ihre Faszination dem Wanderer gegenüber nachzudenken.

Am Ende seiner Schullaufbahn angekommen bleibt einem jedoch nichts anderes übrig, als über die bevorstehende Zukunft nachzudenken. Auch hier ist man an einem Punkt angekommen, an dem das Unbekannte und Neue auf einen wartet. Man ist gezwungen darüber nachzudenken und sich mit sich selbst und seinen Lebensvorstellungen auseinanderzusetzen. Möchte man studieren, eine Ausbildung beginnen oder zunächst ein Auslandsjahr machen? Verschiedenste Gefühle regen sich in einem. Es kann sich um erwartungsvolle, freudige Gefühle handeln, aber auch um Angst und Unbehagen vor dem Neuen. Sicher aber ist, dass das Unbekannte aufregende Gefühle weckt.

Die Suche nach sich selbst ist heute noch genauso aktuell wie zur Zeit der Romantik, wo sie sinnbildlich in der Allegorie der Wanderung thematisiert wurde. Doch oftmals erfordert es auch Mut, über sich selbst nachzudenken und zu erkennen, wer man wirklich ist oder wer man tatsächlich sein möchte. Schließlich heißt es nicht immer automatisch, dass man sich heute wie damals selbst verwirklichen kann, auch wenn man wahrhaftig zu sich gefunden hat. Man ist meist Zwängen und Konventionen innerhalb einer Gesellschaft unterworfen, die nicht so einfach abzuschütteln sind. Daher wird die Sehnsucht nach Glück und Veränderung im Menschen nie gänzlich gestillt werden und immer ein faszinierendes und Gehör findendes Thema sein.

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