Bessere Noten mit Duden Learnattack Jetzt kostenlos testen
 

Erschließen eines literarischen Textes, Drama: F. Schiller: „Don Karlos“


Lösung

a)

Am 29. August 1787 wurde Friedrich Schillers fünfaktige Tragöde „Don Karlos“ uraufgeführt. Dieses Datum steht am Übergang von Sturm und Drang zur Klassik. Wie so oft in der Literatur ist in Schillers Drama die Liebe das zentrale Thema, das in den verschiedensten Epochen auf unterschiedlichste Art künstlerisch gestaltet wird. Die Spannweite reicht vom als kitschig empfundenen Happy End bis hin zur tödlich endenden Liebesbeziehung. Friedrich Schiller verlegt die Handlung seiner Tragödie in das Jahr 1568 an den spanischen Königshof und setzt einen eigenen Akzent: König Philipp II. von Spanien hat Elisabeth geheiratet, die eigentlich seinem Sohn, Don Karlos, versprochen war. Im Textauszug erfährt man, dass der Sohn seine Stiefmutter liebt – eine Liebe, die aber keine Chance haben wird und unerfüllt bleiben muss.

Im Folgenden wird der Dramenausschnitt erschlossen und interpretiert. Anschließend wird vergleichend aufgezeigt, wie das bereits angesprochene Thema der unerfüllten Liebe in Georg Büchners „Woyzeck“ gestaltet wird.

Der Dramenausschnitt aus dem ersten Akt bringt das erste Zusammentreffen des Titelhelden Don Karlos mit Königin Elisabeth, die ihm zur Frau versprochen war, auf die Bühne. Karlos gesteht seiner Stiefmutter seine Liebe. Sie wiederum macht ihm deutlich, warum diese Liebe keine Zukunft hat, was letztlich von ihm akzeptiert wird.

In den Zeilen 1 bis 33 stellt Karlos die Ausgangssituation dar. Der eigene Vater hat die ihm versprochene Frau geheiratet, worüber der Prinz völlig verzweifelt ist; er spricht seinem Vater jegliche Liebesfähigkeit ab. Zudem konfrontiert er Elisabeth mit der Vorstellung, wie glücklich sie gemeinsam hätten werden können.

Elisabeth entwirft in den Zeilen 34 bis 60 ein Gegenbild zu Karlos’ Darstellung. Sie stellt die Vorzüge ihres Ehemanns heraus, bleibt aber insgesamt recht vage und lässt sich nicht auf die Frage nach ihrer Liebe zu ihrem Ehemann ein, die Karlos mehrfach stellt. Daraus kann man schließen, dass sie durchaus liebevolle Gefühle für den Prinzen empfindet. Letztlich will sie das ihr unangenehme Gespräch beenden und fordert ihn auf zu gehen.

Karlos kommt dieser Aufforderung aber nicht nach. Deutlich bringt er zum Ausdruck (Z. 61–99), dass er sich mit der dargestellten Situation nicht abfinden kann. Um sie zu ändern, erwägt er sogar einen Staatsstreich, um seine Ansprüche auf Elisabeth durchsetzen zu können. Elisabeth schildert ihm mit drastischen Worten die Folgen eines solchen Vorgehens und erreicht, dass Karlos tief getroffen einsieht, dass eine Verbindung mit Elisabeth nie möglich sein wird.

Im letzten gedanklichen Abschnitt (Z. 100–144) äußert sich Elisabeth Karlos gegenüber sehr verständnisvoll und mitfühlend. Zudem appelliert sie an seine Verantwortung Spanien gegenüber, denn seine Liebe habe nicht ihr, sondern seinem Land zu gelten. Von Elisabeths Haltung überwältigt, sichert er ihr zu, in ihrem Sinne zu handeln.

Wie der Vorbemerkung zu entnehmen ist, handelt es sich bei Schillers Tragödie um ein fünfaktiges Drama. Nach der Dramentheorie erfüllt jeder Akt eine besondere Funktion. Der zu bearbeitende Ausschnitt ist dem ersten Akt entnommen, also der Exposition des Dramas. Hier werden die wichtigen Figuren vorgestellt – Don Karlos ist sogar die Titelfigur – und der zentrale Konflikt präsentiert – die unerfüllte Liebe zu Elisabeth. Da es sich um die Untergattung Tragödie handelt, ist davon auszugehen, dass die Hauptfigur zum Scheitern verurteilt ist und am Ende der Handlung eine Katastrophe stehen wird. Sparsam setzt Schiller den Nebentext ein. Lediglich an zwei Stellen finden sich Regieanweisungen, die als Handlungsanweisung an die Schauspieler zu verstehen sind, aber auch Aufschluss über die Figuren geben. In V. 77 findet sich die erste Regieanmerkung zu Elisabeth: „Sie sieht ihn lange und durchdringend an – dann mit Würde und Ernst.“ Dadurch entsteht eine Pause im Dialog. Karlos’ Verhalten wird am Ende der Szene in V. 142 näher bestimmt: „wirft sich, von Empfindung überwältigt, zu ihren Füßen“. Deutlich wird seine große Emotionalität, ein wesentlicher Charakterzug in diesem Ausschnitt.

Prinz Karlos und Königin Elisabeth sind Vertreter des Hochadels, gehören also zur höchsten gesellschaftlichen Schicht. Damit ist die Beachtung strenger Regeln am spanischen Königshof verbunden, die den Entscheidungsspielraum der Figuren extrem begrenzt.

Karlos steht in der höfischen Hierarchie unter seiner Königin und Stiefmutter Elisabeth. Er verhält sich jedoch in keiner Weise dieser Rolle angemessen, was sich deutlich in seinen Dialogteilen zeigt.

Seiner Herkunft, seinem Stand sowie seiner Erziehung angemessen ist der hohe Sprachstil von Karlos, der aber häufig zu Übertreibungen (vgl. V. 93 ff.) und Überhöhungen neigt. Auffallend sind hier die vielen Imperative (z. B. V. 16, 25) in seiner Rede sowie häufig unvollständige Sätze, wie sie sich z. B. in V. 9 und 61 f. zeigen. Auch die vielen Gedankenstriche (z. B. V. 15, 21, 30) deuten auf seine große Erregung hin, die es ihm kaum erlaubt, seine Sätze zu Ende zu führen. Deutlich macht dies Schiller durch den Einsatz der Antilabe zu Beginn des Dramenausschnitts (vgl. V. 5 ff.): Karlos unterbricht Elisabeth und setzt ihre Sätze fort, was seine Aufgewühltheit und Erregung sehr gut zum Ausdruck bringt. Dem dienen ebenfalls die häufigen Wiederholungen (z. B. V. 50, 53: „Sie haben nie geliebt?“), mit denen er Elisabeth zu einer Antwort zwingen will. Rhetorische Fragen (ab. V. 25 ff.) zeigen seine Hartnäckigkeit bzw. sein Unvermögen, sich mit den Gegebenheiten abzufinden. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass er dazu neigt, von sich selbst in der dritten Person (V. 66 f.) zu sprechen, womit er sich von sich selbst und seiner Situation distanziert. Ergänzt wird seine Rede durch bewusst eingesetztes bildhaftes Sprechen, wenn er in V. 95 mit „Jetzt ist der Wurf gefallen“ eine Metapher verwendet und in V. 92 f. antithetisch darstellt: „Ich fühle klar und helle, was / Mir ewig, ewig dunkel bleiben sollte.“ In diesen Textstellen, die den Zweck haben, Elisabeth von seiner Position zu überzeugen, kommt sein zur Übertreibung neigender Charakter gut zum Ausdruck.

Der Sprachstil von Elisabeth ist sehr hoch. Sie spricht ihrer Position entsprechend eine äußerst gewählte Sprache, die Ausdruck ihrer Beherrschtheit sowie ihres gesellschaftlichen Standes ist.

Dies ist zu Beginn der Szene allerdings noch nicht so, da sie Karlos’ Rede aufgrund ihrer Überraschung nur sehr kurze Sätze entgegnen kann, die von einigen Ausrufen (V. 10: „Großer Gott!“) sowie Einwürfen (vgl. V. 5–20) geprägt sind. Auch sie stellt Fragen (z. B. V. 34), um die Position ihres Gesprächspartners zu entkräften. Ab V. 76 ist von dieser emotionalen Sprechweise jedoch nichts mehr zu spüren und die Sätze werden vollständig und grammatisch korrekt formuliert. Stattdessen verwendet sie nun viele Imperative (z. B. V. 105: „Erringen Sie ihn …“, V. 109: „Ermannen Sie sich …“, V. 122 ff.: „Auf! Retten Sie des Himmels Billigkeit! / Verdienen Sie, der Welt voran zu gehen, / Und opfern Sie, was keiner opferte.“). Damit appelliert Elisabeth an Karlos, seine Liebe zu ihr in andere Bahnen zu lenken und als Vorbild seiner königlichen Position gerecht zu werden. Dem entsprechen auch die bewusst gewählten Anreden, wenn sie Karlos „junger Held“ (V. 105) oder auch „edler Prinz“ (V. 109) nennt. Letztlich kann man in Elisabeths Rede durch den Gebrauch von Parallelismus (V. 103 f.) sowie Chiasmus in V. 138 ff. („Elisabeth / War Ihre erste Liebe. Ihre zweite / Sei Spanien.“) auffallende Stilmittel erkennen, die zeigen, dass sie sich in diesen Textpassagen wieder voll gefangen hat und sich auch in ihrer Sprache ihrem Stand vollkommen angemessen verhält.

Aus dem Dialog wird deutlich, dass Karlos sich durch die Heirat seines Vaters mit Elisabeth um sein Glück betrogen sieht und er deshalb seinen Anspruch auf sie, den er mit seiner Liebe zu ihr begründet, durchsetzen möchte. In letzter Konsequenz soll dies sogar mit Gewalt geschehen (vgl. V. 70).

Elisabeth ist auf dieses Geständnis des Prinzen nicht vorbereitet und wehrt alle Vorstöße mit zunehmendem Handlungsverlauf immer souveräner ab. Das tut sie, weil sie weiß, dass eine solche Liebe am Königshof niemals eine Chance hätte. Stattdessen bringt sie ihn dazu, seine Liebe auf sein Land zu konzentrieren (vgl. V. 138 ff.).

Der Verlauf dieses Gesprächs wird in der komplementären Kommunikationssituation deutlich. Bis V. 75 dominiert Karlos mit seiner emotionalen Rede. Ab V. 76 und der entsprechenden Regieanweisung in Zeile 77 kehrt sich die Situation um. Elisabeth gelingt es, Karlos zur Einsicht zu bewegen.

Inhaltlich ist in dieser Szene auch ein typischer Spannungsaufbau zu erkennen. Von V. 1 bis 33 wird durch das Geständnis von Karlos Spannung erzeugt, die bis V. 74 gesteigert wird, da Elisabeth sehr unsicher reagiert und Karlos mit seinen Umsturzplänen scheinbar jeglichen Realitätsbezug verliert. Die Wende tritt ein, als Elisabeth ab V. 77 Karlos die Folgen eines solchen Handelns aufzeigt und schließlich Appelle an ihn richtet. Letztlich wird die Spannung ab V. 142 durch Karlos’ Unterwerfung gelöst.

Somit ist klar, dass sich dieser Dramenausschnitt auf eine Haupthandlung beschränkt, die im Dialog von Karlos und Elisabeth besteht. Entscheidend ist die Tatsache, dass die beiden Gesprächspartner wirklich miteinander sprechen, aufeinander reagieren und dadurch den Dialog voranbringen. Sie tun das beide auf ihre typische Art und Weise: Karlos sehr emotional, Elisabeth dagegen rational und überlegt. Sie ist es auch, die weiß, dass es keinen Sinn hat, sich über die höfischen Konventionen hinwegzusetzen, und der Mensch sich in seine Grenzen fügen muss.

b)

Georg Büchner hat mit „Woyzeck“ aus dem gleichnamigen Dramenfragment ebenfalls einen Helden geschaffen, der durch die Verhältnisse der Gesellschaft bestimmt ist und nicht ausbrechen kann.

Anders als Karlos stammt der Soldat Woyzeck aus einer sehr niedrigen Schicht und muss sich und seine Familie – Marie und das gemeinsame Kind – mit verschiedenen Nebenjobs über Wasser halten. So ist er bei einem Hauptmann im Dienst und lässt bei einem Doktor medizinische Versuche über sich ergehen.

Marie fällt einem Tambourmajor auf. Ihr gefällt, dass ihr der Hof gemacht und sie als Frau gesehen wird. Letztlich gibt sie dem Werben nach und betrügt Woyzeck mit dem Tambourmajor. Als Woyzeck davon erfährt, bricht für ihn eine Welt zusammen. Aus Eifersucht ersticht er Marie.

Diese Liebe kommt also nicht zu einem glücklichen Ende und bleibt unerfüllt. Woyzeck wird nicht nur durch seine Eifersucht, sondern vor allem durch die gesellschaftlichen Umstände zum Mörder. Er hat keine Zeit für seine Familie, muss Geld verdienen und sich von verschiedenen Seiten erniedrigen lassen. Stets wird ihm gesagt, was er zu tun und zu lassen hat. Ein Ausbrechen aus diesen engen Grenzen ist nicht möglich, da er Verantwortung für seine Familie hat, die er ernähren muss.

Auch Karlos und Elisabeth können aus den Gegebenheiten nicht ausbrechen, beide müssen ihrer Rolle gerecht werden, weshalb ihre Liebe keine Zukunft hat. Lediglich die Androhung (bei Karlos) bzw. die Anwendung (bei Woyzeck) von Gewalt scheint eine Möglichkeit zu sein.

Obwohl beide Protagonisten aus völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten stammen und unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen, sind beide auf jeweils vergleichbare Art handlungsunfähig und werden zum Opfer einer unmenschlichen hierarchisch organisierten Gesellschaft. Ihr Glück bzw. ihr Streben nach einer erfüllten Liebe muss unerfüllt bleiben.

Die Erschließung hat gezeigt, dass eine Liebe nicht gelingen kann, wenn die Umstände dagegensprechen. Häufig will man sich, so wie Karlos, nicht damit abfinden, auch wenn man erkennen muss, dass die Liebe keine Chance hat. Friedrich Schillers Drama ist somit mehr als nur die Geschichte einer unerfüllten Liebe. Es ist auch eine Anklage einer Gesellschaft und eines unmenschlichen Systems, das die Liebe nicht zulässt.

Registriere dich, um den vollen Inhalt zu sehen!

VERSTÄNDLICH

PREISWERT

ZEITSPAREND

Weitere Deutschthemen findest du hier

Wähle deine Klassenstufe

Weitere Musterlösungen findest du hier