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Erörterung im Anschluss an die Analyse einer Textvorlage: Rüdiger Safranski: „Friedrich Schiller oder die Erfindung des Deutschen Idealismus“


Lösung

Im vorliegenden Auszug aus seinem Text „Friedrich Schiller oder die Erfindung des Deutschen Idealismus“ (2004) setzt sich Rüdiger Safranski mit dem Liebesverständnis in Friedrich Schillers Drama „Kabale und Liebe“ (1784) auseinander. Dabei stellt er die These auf, dass das Stück die zerstörerischen Auswirkungen eines „Absolutismus der Liebe“ (Z. 27) aufzeige.

Zu Anfang des Textes stellt Safranski die These auf, Schiller überprüfe in seinem Drama „Kabale und Liebe“ seine „eigene Liebesphilosophie“ (Z. 1), denn das zentrale Thema des Stücks seien „Macht und Ohnmacht der Liebe“ (Z. 2). Schiller stelle dar, wie die äußeren Umstände die Liebe belasten und wie gleichzeitig die Liebe selbst den Liebenden schade, weil sie als „ausschließlich“ (Z. 5) begriffen werde. Am Beispiel Ferdinands erläutert Safranski anschließend, dass dieser durch seine Art zu lieben von der Liebe selbst „verführt“ (Z. 7) werde. Durch seine Liebe zu Luise fühle er sich mit der gesamten Welt verbunden, die Liebe sei somit für ihn „das metaphysische Prinzip schlechthin“ (Z. 12). Im folgenden Abschnitt erläutert Safranski den gedanklichen Hintergrund. Safranski spricht – eine Formulierung Schillers aus einem anderen Text aufgreifend – metaphorisch von einer „Kette“ (Z. 14), die den Einzelnen mit der Schöpfung verbinde und die durch die Liebe zu einem anderen Menschen zusammengehalten werde. In der Liebe zu einer einzelnen Person liebe man nach Ferdinands Verständnis das „Ganze“ (Z. 1), wobei dieses und damit die Verbindung zur Schöpfung zerstört werde, wenn die Liebe zur einzelnen Person scheitere. Die Liebe zu einem anderen Menschen müsse daher allumfassend und total sein, damit sie sich auf das Ganze ausweiten könne.

Dieser durch Ferdinand tyrannisch eingeforderte „Absolutismus der Liebe“ (Z. 27) sei das eigentliche Thema des Stücks, das gleichzeitig von Willkürherrschaft und dünkelhaftem Denken des Adels handle. Im Folgenden skizziert Safranski die auf diesem Liebesverständnis basierende tragische Entwicklung der Liebe Ferdinands zu Luise. Er zitiert Ferdinands hymnisches Lob der Liebe zwischen ihm und Luise, das er zu Anfang des Stücks als „sein säkularisiertes Liebesevangelium verkünde“ (Z. 29). Dass Ferdinand am Endes des Dramas zum Mörder Luises werde, sei „von grausamer Ironie“ (Z. 36 f.). Dabei sei Ferdinand nicht der typische Verführer aus adeligem Hause wie in anderen Dramen seit „Emilia Galotti“, sondern ein Liebesmystiker, der nichts anderes als eine Vereinigung der Seelen anstrebe. Wenn dieser etwas entgegenstehe, sei er zum Mord bereit. Eines der möglichen Hindernisse sei insbesondere „die Andersheit des Anderen“ (Z. 45), die in diesem Fall von Luise verkörpert wird. Da Ferdinand diese Andersheit und damit Luises Individualität nicht in seine Liebe miteinbeziehen könne, sei diese lediglich eine narzisstische Eigenliebe (vgl. Z. 46–48).

Safranskis Text weist mit der Abfolge von These, Belegen und Beispielen sowie einer Schlussfolgerung am Ende eine klare Struktur auf. Gleich zu Anfang des Textes stellt Safranski die These auf, dass in „Kabale und Liebe“ die Liebe der zentrale Themenkomplex sei. Er erläutert seine These durch die Darstellung von Ferdinands Liebeskonzept als einem metaphysischen Prinzip. Im Anschluss daran interpretiert er den Handlungsverlauf unter Rückgriff auf die Ausgangsthese. Dabei konkretisiert er Ferdinands totalisierende Liebesvorstellung und zeigt deren Spezifik anhand eines Vergleichs mit anderen Verführern in der Literatur auf. Der Text endet mit der Schlussfolgerung, dass Ferdinands Liebe zu Luise tatsächlich eine Selbstliebe sei, da sie Luises Individualität missachte.

Safranskis Argumentation wird durch sprachliche und stilistische Mittel gestützt. Durch die Gegenüberstellung einander entgegengesetzter Begriffe werden zentrale Aussagen antithetisch gegliedert („Macht und Ohnmacht“, Z. 2; „das Ganze […] das Einzelne“, Z. 15 f.; „All-Liebe in die einzelne Liebe“, Z. 19 f.). Wertende Adjektive (z. B. „vor dem fatalen Auftritt“, Z. 8 f.; „mit verzweifeltem Zynismus“, Z. 35 f.; „von grausamer Ironie“, Z. 36 f.) verdeutlichen die Position des Autors. Safranski konkretisiert und veranschaulicht seine Aussagen zu Ferdinands Liebesverständnis durch metaphorische Ausdrücke und Wortfelder aus unterschiedlichen Bereichen, z. B. aus der Religion („säkularisiertes Liebesevangelium“, Z. 28; „Liebesmystik“, Z. 39), der Psychologie („autistische Obsession“, Z. 46), aus Politik und Krieg („zerstört“, Z. 17, „stürzt […] zusammen“, Z. 22; „totalisieren“, Z. 23; „Tyrannei des Absolutismus“, Z. 27; „verbrennt“, Z. 40). Bei seiner Charakterisierung Ferdinands, den er als empfindsam und in seiner Liebesbesessenheit zugleich tyrannisch darstellt, greift er auch zu Wortspielen und Paradoxa, z. B. „zarter Wüstling“ (Z. 39). Durch offene Fragen (vgl. Z. 7) und Füllwörter (z. B. „also“, Z. 6; „schlechthin“, Z. 12; „dann“, Z. 17) lockert der Autor den hohen sprachlichen Stil seines Textes etwas auf.

Safranski stellt in seinem Text die These auf, Schillers Drama „Kabale und Liebe“ handle vorrangig von der Zerstörungskraft eines totalisierenden Liebesverständnisses. Dabei relativiert er die traditionell vorherrschende Deutung des Dramas als gesellschaftskritisches Stück. Seine Analyse des Dramas verbindet Safranski mit abstrakten, fast philosophischen Ausführungen: Er analysiert und interpretiert Schillers Drama auf nachvollziehbare Weise aus einem geistesgeschichtlichen Blickwinkel heraus. Dabei wählt er einen eher essayistischen als streng wissenschaftlichen Stil. So verzichtet er weitestgehend auf detaillierte Textbelege zur Stützung der eigenen Argumente. Der essayistische Stil unterstützt die Nachvollziehbarkeit der Argumentation für den Leser. Sein Text setzt zwar durchaus einen Leser voraus, der über grundlegendes Wissen zum Drama, zur Epoche sowie zum historischen Hintergrund verfügt. Für diesen wird die Argumentation jedoch nachvollziehbar, indem Safranski seinen Gedankengang auf schlüssige Weise entfaltet.

Ausgehend vom letzten Satz des Textes („Ferdinand hat Luise, die er liebt, nicht verstanden“, Z. 48) sollen nun grundlegende Aspekte der Liebesbeziehung zwischen Ferdinand und Luise dargelegt und auf Safranskis Interpretation des Stücks bezogen werden, insbesondere auf seine These, dass das Drama weniger Gesellschaftskritik, sondern vielmehr eine „Tyrannei des Absolutismus der Liebe“ (Z. 27) darstelle.

Der Ausgangskonflikt der Dramenhandlung besteht in dem Standesunterschied zwischen der bürgerlichen Musikertochter Luise Miller und dem adeligen Major Ferdinand von Walter. Die Väter der Liebenden sind beide gegen die nicht standesgemäße Beziehung. Ferdinands Vater, Präsident von Walter, möchte seinen Sohn stattdessen mit der Mätresse Lady Milford verheiraten, weil er sich dadurch machtpolitische Vorteile erhofft. Die politischen Interessen hinsichtlich der Heirat seines Sohnes stehen in Kontrast zu der schwärmerischen Liebe Ferdinands. Die beiden Liebenden haben eine unterschiedliche Haltung zu den mit den Standesunterschieden verbundenen Problemen: Während Ferdinand eine Vernunftehe mit Lady Milford aus gesellschaftlichen (und beruflichen) Gründen ablehnt und an die Überwindung der Standesgrenzen durch seine Liebe zu Luise glaubt, ist Luise selbst von Beginn an eher realistisch und bezweifelt, dass es angesichts der Standesunterschiede eine konfliktfreie, harmonische Zukunft für sie und Ferdinand geben kann.

Im Folgenden sollen die Beziehung zwischen Ferdinand und Luise sowie die Unterschiede in ihrem Denken näher untersucht werden. Schiller stellt Ferdinand als aufgeklärten und modern denkenden jungen Mann dar, den die Standesgrenzen nicht an seiner Liebe zu Luise hindern. Er handelt und spricht stets emotional und kann schnell ungehalten werden, unterscheidet sich somit auch charakterlich von seiner Geliebten. Schon an den Redeanteilen lässt sich erkennen, dass Ferdinand Luise dominiert: Er überschüttet sie mit Liebesbekundungen, worauf sie mitunter fast schüchtern und zurückhaltend reagiert.

Luise hat – im Gegensatz zu Ferdinand – das Standesdenken, von dem ihre Eltern geprägt sind, verinnerlicht. Sie liebt Ferdinand aufrichtig, ist jedoch von Anfang an skeptisch, was eine mögliche gemeinsame Zukunft betrifft. In ihrem Denken ist die Aufhebung der Standesgrenzen und damit die Erfüllung der Liebe nur im Jenseits möglich. Den aus dem Verhaftetsein im Standesdenken und ihrer Liebe zu Ferdinand resultierenden inneren Konflikt trägt sie mit sich alleine aus. Besonders die ablehnenden Ansichten ihres Vaters, eines Musikers, und ihr christlicher Glauben leiten sie. In Luises Denken gibt es eine religiöse Dimension, die sie von Ferdinand unterscheidet: Im Zuge einer Intrige, mit der Ferdinands Vater die Liebe zwischen seinem Sohn und Luise untergraben will, zwingt der Sekretär Wurm Luise dazu, einen fingierten Liebesbrief an den Hofmarschall von Kalb zu schreiben, um die Eifersucht Ferdinands zu schüren. Sie gibt den von Wurm diktierten falschen Liebesbrief als freiwillig verfassten aus, da sie sich durch einen Eid auf Gott dazu verpflichtet sieht. Ein solches Denken und die religiöse Bindung Luises sind für Ferdinand nicht nachvollziehbar, somit erkennt er nicht Luises verzweifelte Lage, als er sie wegen des Briefes zur Rede stellt, sondern interpretiert ihr Verhalten als Eingeständnis eines Fehltritts. Ferdinands Misstrauen gegenüber Luise und seine Unfähigkeit, sich in sie und ihre Situation hineinzuversetzen, führen schließlich zur Katastrophe und zum Tod der beiden. So entwickeln sich die zu Beginn bereits erkennbaren Unterschiede zwischen den Liebenden im Verlauf des Dramas zu einer fatalen Differenz: Ferdinand übersieht die gegen seine Verbindung mit Luise gerichtete Intrige, weil er am Ende Luise zu sehr misstraut. Nachdem sein erster Plan, gemeinsam mit Luise zu fliehen, aufgrund seiner Eifersucht und seines Misstrauens hinfällig geworden ist, sieht er nur noch die Möglichkeit des gemeinsamen Todes.

Safranskis Behauptung, Ferdinand habe Luise nicht verstanden, lässt sich vor diesem Hintergrund bestätigen. Er ist nicht in der Lage zu verstehen, dass sie sich (mehr als er) an die eigene Familie gebunden fühlt und dass sie die Standesunterschiede akzeptiert und für unüberwindlich hält. Somit kann er auch nicht nachvollziehen, dass Luise in einer gemeinsamen Flucht keine Lösung sieht, sondern reagiert mit eifersüchtigem Misstrauen. Im Unterschied zu Luise trennt Ferdinand in seinem Lebensentwurf sämtliche Bindungen und Pflichten von der Liebe, die für ihn über allem steht. Ferdinand ist derart auf sich selbst bzw. auf seine Liebe fixiert, dass er keinen Blick für die wahre Persönlichkeit, die Gefühle und Gedanken Luises hat. Vor diesem Hintergrund erscheint es nachvollziehbar, dass Safranski von einer „Tyrannei“ im Zusammenhang mit Ferdinands Liebesvorstellung spricht. Ferdinand tyrannisiert quasi sein Umfeld (Vater, Lady Milford, Familie Miller und vor allem Luise) mit seiner Vorstellung einer absoluten Liebe, die seiner Vorstellung nach durch nichts eingeschränkt werden darf. Tyrannei bedeutet Unterdrückung, Gewalt. Ferdinands Liebe ist am Ende tatsächlich tödlich, wenn er entscheidet zu morden – einen anderen Menschen und sich selbst.

Schaut man sich Schillers Drama genauer an, sprechen einige Aspekte für, einige gegen Safranskis Hauptthese, „Kabale und Liebe“ sei eher ein Stück über „die Tyrannei des Absolutismus der Liebe“ als ein gesellschaftskritisches Drama. Für Safranskis These spricht zunächst, dass das Thema Liebe in dem Drama eine zentrale Stellung einnimmt. Über Ferdinands und Luises Liebesbeziehung hinaus gibt es im Stück verschiedene Arten von Liebe, die dargestellt und problematisiert werden.

Laut Safranski ist Ferdinands Liebesverständnis totalitär und trägt auf diese Weise selbst bei zur „Korruption der Welt“ (Z. 4 f.). Tatsächlich liegt die Wurzel der Konflikte und der späteren Katastrophe in Ferdinands Vorstellung von einer über allem stehenden Liebe und seiner daraus resultierenden Unfähigkeit, Luises Gedanken und Gefühle zu verstehen. Hieraus erwachsen sein Misstrauen und seine Eifersucht, die ihn bis zum Mord führen.

Ferdinands totalitäres Liebesverständnis und die anderen Formen von Liebe, die in dem Drama dargestellt werden, prallen aufeinander und führen zu Konflikten. So hat Ferdinand kein Verständnis für Luises Liebe zu ihrer Familie, besonders zu ihrem Vater, oder für ihre Liebe zu Gott, die sie daran hindert, ihren Eid zu brechen. Ebenso wenig erkennt Ferdinand die ihm von Lady Milford entgegengebrachte Liebe. Auch wenn sie sich von einer Heirat mit dem Major persönliche Vorteile erhofft und damit eigennützige Interessen verfolgt, bringt sie ihm gleichzeitig eine aufrichtige Zuneigung entgegen. Ferdinand weist sie jedoch zurück.

Schließlich gibt es noch eine Liebesvorstellung, der machtpolitische Interessen zugrunde liegen – sie wird vom Präsidenten und seiner rechten Hand, dem Sekretär Wurm, vertreten. Mit diesem Denken gerät Ferdinand, der nicht bereit ist, seine Liebe durch Standesunterschiede begrenzen zu lassen, in Konflikt.

Schiller thematisiert also in seinem Stück die Liebe in vielen verschiedenen Facetten und auf zeitlose Art und Weise. Damit geht das Drama über eine reine Kritik an der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts hinaus. Vielleicht ist es auch aus diesem Grund seit seiner Uraufführung bis heute so beliebt – noch immer wird es häufig auf Theaterbühnen inszeniert.

Auf der anderen Seite kann Safranskis These, das Stück handle von der „Tyrannei des Absolutismus der Liebe“ kritisch hinterfragt werden. So schenkt er dem zweiten Handlungsstrang, der Gesellschaftskritik, und dem literaturgeschichtlichen Kontext in seiner Argumentation insgesamt wenig Beachtung.

In dem Stück findet sich eine deutliche Kritik an der absolutistischen Willkürherrschaft und am Adelsstand, etwa durch Hinweise auf das verschwenderische Leben der Adeligen und deren oberflächliches Benehmen gegenüber Untergebenen sowie auf ihre Korruptheit. Lady Milford erfährt beispielsweise über ihren Hausdiener vom Soldatenhandel mit Landeskindern, an dem sich der Fürst persönlich bereichert.

Auch nimmt die höfische Intrige eine zentrale Stellung in dem Drama ein und ist entscheidend für Entwicklung und Verlauf der Handlung. Präsident von Walter wünscht eine Ehe seines Sohnes mit Lady Milford, einer einflussreichen Mätresse. Dabei wird er von politischen Interessen geleitet, denn er erhofft sich dadurch bessere Beziehungen bei Hofe und eine glänzende militärische Zukunft für Walter. Da die Verbindung seines Sohnes mit der Bürgerstochter Luise diesen Plänen entgegensteht, nimmt er Wurms intriganten Vorschlag, mit dem die Liebe zwischen Ferdinand und Luise zerstört werden soll, gerne an. Schiller kritisiert auf diese Weise auch Intrigen bei Hofe, die zu seinen Zeiten nicht selten waren. Diesen sozialkritischen Aspekt erwähnt Safranski nur am Rande.

Darüber hinaus lässt Safranski bei seiner Interpretation den historischen und literarischen Kontext weitgehend außer Acht. So ordnet er das Drama beispielsweise nicht in die Epoche des Sturm und Drangs ein. Nicht nur die Liebe stellt ein wichtiges Ideal der Sturm-und-Drang-Epoche dar, sondern auch die Freiheit. Dieses Thema ist in dem Stück insofern enthalten, als Ferdinand bereit ist, für seine Liebe die Standesgrenzen zu durchbrechen und sich von den damit verbundenen Einschränkungen zu befreien. Auch die in dem Stück erkennbare Emotionalität ist typisch für die Epoche. Ferdinand geht im Gefühl der Liebe auf, äußert sich schwärmerisch, er beherrscht sich nicht, lebt seine Affekte aus und denkt nicht (nur) rational. Damit verkörpert er die Abkehr vom reinen Vernunftdenken der Aufklärung und befindet sich auf dem Weg zur freien und individuellen Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, wie sie in den Dramen des Sturm und Drangs häufig dargestellt wird. Safranski charakterisiert Ferdinand nicht in Hinblick auf diese Epoche, sieht in ihm nicht einen typischen „Stürmer und Dränger“, sondern behandelt einseitig das Liebesverständnis des Protagonisten.

Lässt Safranski in seiner Interpretation gesellschaftskritische Aspekte weitgehend außen vor, so greift er dennoch zur Charakterisierung von Ferdinands Liebesverständnis auf eine Metaphorik aus dem Bereich der Politik zurück (z. B. „Absolutismus der Liebe“, Z. 28; „Liebe muß total sein, damit sie sich totalisieren kann“, Z. 23 f.). Auf diese Weise stellt er eine assoziative Verknüpfung zwischen dem politischen Absolutismus und der Liebesthematik her, die seinem Ansatz, die Liebesthematik von der Gesellschaftskritik abzuheben, tendenziell widerspricht.

Safranskis Interpretationsansatz, nach dem in Schillers Drama die „Tyrannei des Absolutismus der Liebe“ das bestimmende Thema ist, kann trotz der genannten Einwände zugestimmt werden. Im Zentrum der Handlung stehen die Liebe in ihren unterschiedlichen Ausprägungen und die daraus resultierenden Konflikte. Zwar enthält das Stück durchaus Gesellschaftskritik, z. B. indem es die Auswirkungen höfischer Intrigen darstellt sowie Soldatenhandel und Willkürherrschaft thematisiert. Der zentrale Konflikt wurzelt jedoch in Ferdinands Liebesverständnis, das ihn daran hindert, Luise in ihrer Individualität wahrzunehmen und zu akzeptieren. Die Tatsache, dass für Ferdinand die Liebe selbst im Vordergrund steht und er in seiner schwärmerischen Überhöhung der Liebe nicht in der Lage ist, Luises Denken, Beweggründe und ihre verzweifelte Situation nachzuvollziehen, treibt die Handlung voran und führt schließlich zum tödlichen Ende. Damit stellt Schiller eine zeitlose Problematik dar, die auch losgelöst vom zeitgeschichtlichen und gesellschaftlichen Kontext vorstellbar ist. Auch in der heutigen Zeit scheitern Beziehungen mitunter daran, dass ein Partner unfähig ist, sich in den anderen hineinzuversetzen und dessen ganz individuelle Ansichten und Motive zu verstehen. Aufgrund der Zeitlosigkeit dieser Thematik, die Safranski klar erkennt und benennt, besitzt das Stück bis heute Aktualität.

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