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Bildung: Sachtextanalyse, Erörterung: R. Spaemann: „Wer ist ein gebildeter Mensch?“


Aufgaben

  1. Beschreiben Sie, was Spaemann unter einem gebildeten Menschen versteht, und stellen Sie die Struktur des Textes dar. (Material) (30 BE)
  2. Untersuchen Sie, ob Professor Wilibald Schmidt aus Fontanes Roman „Frau Jenny Treibel“ im Sinne Spaemanns (Material) ein gebildeter Mensch ist. (40 BE)
  3. „Die öffentlichen Schulen sind nicht daran interessiert, gebildete Menschen hervorzubringen.“ (Material)
    Diskutieren Sie diese These Spaemanns vor dem Hintergrund des Menschenbildes der Weimarer Klassik und der gegenwärtigen Situation von Abiturienten am Ende der Schulzeit. (30 BE)

Material:

c._robert_spaemann_wer_ist_ein_gebildeter_mensch_aus_einer_promotionsfeier.pdf

Quelle: Robert Spaemann: Wer ist ein gebildeter Mensch? Aus einer Promotionsfeier, in: Scheidewege. Zeitschrift für skeptisches Denken, Jg. 24, 1994/95, S. 34–37

Erlaubte Hilfsmittel:

  • ein Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung
  • eine Liste der fachspezifischen Operatoren
  • Fontane: Frau Jenny Treibel

Lösung

Aufgabe 1:

In seinem 1994/95 entstandenen Essay „Wer ist ein gebildeter Mensch? – Aus einer Promotionsfeier“ befasst sch der Philosoph Robert Spaemann mit einer wichtigen Frage: Es geht darum, welcher Mensch als „gebildet“ gelten darf. Spaemann nennt Eigenschaften, an denen seiner Meinung nach gebildete Menschen zu erkennen sind. Im Folgenden sollen Spaemanns Gedanken und die Struktur seines Textes beschrieben werden.

Der Autor beginnt mit der Feststellung, dass gebildete Menschen weder „nützlich“ noch besonders ökonomisch erfolgreich sind. Daran schließt er die – auf diese Weise begründete – Beobachtung an, dass die Schulen kein Interesse daran haben, Menschen zu „bilden“. Bildung sei aus anderen Gründen erstrebenswert. Diese Gründe formuliert Spaemann dann in zehn separaten, thesenförmigen Abschnitten.

Zunächst hält Spaemann fest, dass Bildung eine egozentrische Weltsicht überwindet; der Mensch kann von seiner eigenen Perspektive abstrahieren und die Welt auch aus der Sicht anderer Individuen wahrnehmen. Er entwickelt dadurch einen verlässlicheren Sinn für die Wirklichkeit, da sie nicht mehr bloß seiner subjektiven Wahrnehmung entspricht, sondern den subjektiven Wahrnehmungen vieler Menschen Rechnung trägt.

Hiermit hängt scheinbar widersinnigerweise zusammen, dass Bildung das Selbstbewusstsein fördert. Denn durch die Möglichkeit, von der eigenen Weltsicht Abstand zu nehmen, kann der gebildete Mensch gelassener mit Widersprüchen umgehen. Die Interessen anderer Menschen sind für ihn keine Attacken auf die eigenen, da sie einander nicht ausschließen und parallel existieren können. Diese Einsicht ermöglicht es dem Gebildeten außerdem, sich für andere Dinge und Menschen zu begeistern als nur für sich selbst. Da er ein stabiles Selbstbewusstsein hat, muss er keine Angst darum haben, weniger zu gelten, bloß weil er sich für einen anderen begeistert. Diese Vertrauensfähigkeit spiegelt sich auch in seinen Freundschaften wider – der gebildete Mensch vertraut Freunden auch dann, wenn er Gefahr läuft, von ihnen enttäuscht zu werden.

In den Dingen, die der gebildete Mensch lernt, erkennt er einen Sinn; d. h., seine Erkenntnisse existieren nicht unabhängig voneinander, sondern der Zusammenhang zwischen ihnen wurde erkannt. So kann der Gebildete zum Beispiel aus einer moralischen Einsicht auch Konsequenzen für seine politischen Entscheidungen oder seine Freundschaften ziehen. Wenn er eine soziale Rolle erfüllen muss, gelingt ihm das aus diesen Gründen, ohne dass er seine übrigen Überzeugungen aufgibt. Dies gilt für alle Dinge, die sich der Gebildete zu eigen macht. Identifiziert er sich beispielsweise mit seinem Vaterland, dann muss er nicht gleichzeitig dessen Mängel und Fehler oder die Stärken und Vorzüge anderer Länder leugnen.

Zu dem Selbstbewusstsein des gebildeten Menschen gehört auch, dass er nicht ständig sklavisch an einem Sprachstil festhalten muss. Stattdessen kann er die für jede Situation angemessene Sprache sprechen. Er muss in Alltagssituationen keinen wissenschaftlichen Sprachduktus anwenden, sondern er kommt damit zurecht, dass jede Sprache ihre Domäne hat.

Er ist weiterhin genügsam; da er von der Komplexität der Wirklichkeit weiß, begehrt er nicht übermäßig viel von ihr. Er ist aufgrund seiner größeren Sensibilität und Genussfähigkeit mit Wenigem zufrieden und nicht auf großen Konsum angewiesen. Überhaupt vertraut er auf seine geschulte Urteilskraft und steht ernsthaft für seine Werturteile ein. Sein Selbstbewusstsein erlaubt es ihm zudem, bei berechtigter Kritik eine Korrektur seiner Urteile vorzunehmen, ohne zu grollen.

Gerade weil er gebildet ist, bewertet er die Bildung zudem als zweitrangig. Das Wichtigste ist ihm das tatsächliche moralische Handeln von Individuen, nicht deren Bildung. Beides – die Bildung und das verantwortliche Handeln – können bei einzelnen Personen durchaus auseinanderfallen.

Schließlich gibt es laut Spaemann noch einen letzten wichtigen Grund dafür, Bildung anzustreben – nämlich die gesteigerte Freundschaftsfähigkeit des Gebildeten. Er liebt die Freundschaft – vor allem mit anderen Gebildeten ergibt sie sich aus diesem Grund auch oft – und hat deswegen auch mehr Freude an seinem Leben.

Spaemann artikuliert in seinem Essay also alles in allem einen Bildungsbegriff, der sich nicht in „Nützlichkeit“ beziehungsweise in Konkurrenzfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt erschöpft, sondern deutlich darüber hinausgeht.

Aufgabe 2:

Nicht nur Spaemann hat sich intensiv mit Bildung auseinandergesetzt, sondern sie ist auch ein großes Thema der Klassik und eines Realisten wie Theodor Fontane. In seinem Gesellschaftsroman „Frau Jenny Treibel“ von 1892 befasst Fontane sich sehr ausführlich mit der Bildung in den verschiedenen Schichten des damaligen Bürgertums – namentlich des Groß- oder Besitzbürgertums sowie des Bildungsbürgertums. Dabei entsteht ein Panorama der bürgerlichen Verhaltensweisen am Ende des 19. Jahrhunderts im wilhelminischen Deutschland. Eine der Hauptfiguren des Romans – Wilibald Schmidt – soll daraufhin überprüft werden, ob sie eine gebildete Person im Sinne Spaemanns ist. Da es sich um einen Angehörigen des Bildungsbürgertums handelt, ist zunächst zumindest davon auszugehen, dass Bildung für Schmidt wichtig ist.

Tatsächlich weiß Schmidt, dass die Welt von Individuen bevölkert wird, die jeweils andere Vorstellungen von dieser Welt haben. Er entspricht dadurch Spaemanns Idee, wonach der Gebildete seine Egozentrik überwunden und die Vielseitigkeit der Wirklichkeit erkannt hat. Der Gymnasialprofessor Schmidt weiß, dass die Realität aus der Sicht einer Jenny Treibel völlig anders aussieht als aus der Sicht einer Corinna Schmidt, eines Marcell Wedderkopp oder auch aus seiner eigenen. Dennoch hält er diese Widersprüche gelassen und humorvoll aus, da er durch seine Bildung Selbstbewusstsein gewonnen hat. So nimmt er zum Beispiel die verbalen Attacken seiner Freundin Jenny ruhig und unaufgeregt hin und kann auch in Diskussionen mit seinem Freund Distelkamp darüber, was eigentlich „Poesie“ ist, ruhig und zuversichtlich bleiben.

Während dieser Auseinandersetzung stellt Schmidt auch unter Beweis, dass er über eine geschulte Urteilskraft besitzt und sich „objektive Werturteile“ zutraut. Er kann sich auf eine lange kluge Debatte über das Poetische einlassen – z. B. darüber, dass das Poetische „über das Historische hinaus[wächst]“ (S. 76) – und hält Widersprüche gelassen aus. Dabei ist ihm klar, dass seine Meinung und sein Kunstgeschmack nicht unfehlbar sind; z. B. schätzt er das Gedicht, das er vor vielen Jahren für Jenny geschrieben hat, realistisch ein: „Ich glaube, Wagnersche Schwierigkeiten sind nicht drin.“ (S. 211) Offensichtlich ist es für Schmidt nicht entscheidend, nach außen hin vollkommen unfehlbar oder besonders vornehm zu wirken. Im Gegensatz dazu versucht Jenny Treibel regelmäßig, sich die Aura einer poetisch versierten Frau zu geben, entscheidet sich aber im Konfliktfall stets für das Geld und nicht für die Poesie. Schmidt dagegen muss seine Bildung nicht besonders betonen, da er selbstbewusst ist. Er bewertet sogar die Sittlichkeit (für ihn: die „Natur“) höher als alle Kultur und Bildung (vgl. 212), was aus ihm den typischen selbstgenügsamen Gebildeten macht, von dem Spaemann spricht.

Das schließt jedoch nicht aus, dass er sich für Kultur und Poesie begeistern kann. Tatsächlich schwärmt er geradezu für Poesie und Lyrik (vgl. S. 212). Seine Begeisterungsfähigkeit beschränkt sich jedoch nicht auf diese beiden Themen, sondern er ist bereit das „eigentlich Menschliche“ (S. 76) in wirklich allen Dingen zu sehen. Er ist deswegen „das genaue Gegenteil des Ressentimenttyps“ (Material, Z. 59 f.), der die Welt verachtet, um sich selbst nicht schäbig vorzukommen.

Darüber hinaus kann Wilibald Schmidt verschiedene gesellschaftliche Rollenerwartungen erfüllen, ohne dabei seine Identität preiszugeben. Er besitzt mit anderen Worten in allen Situationen ausreichend Reflexionsfähigkeit, um nicht sein moralisches Urteilsvermögen und seine Kritikfähigkeit aufgeben zu müssen. In dem Zirkel der „Sieben Waisen“ hält man Selbstironie für den „denkbar höchsten Standpunkt“ (S. 61). Als gebildete Menschen erkennen die sieben Waisen nämlich, dass sie keine absoluten, endgültigen Ideen vertreten, sondern nur relative Rollenidentitäten. Auf die Spitze treibt diesen Standpunkt erneut Wilibald Schmidt. Er erklärt seiner Tochter: „Corinna, wenn ich nicht Professor wäre, so würd’ ich am Ende Sozialdemokrat.“ (S. 180) Hier ist aber zu problematisieren, ob der Hang zur Rollenironie und -distanz nicht zu weit geht: Für den Professorentitel verzichtet Schmidt anscheinend immerhin darauf, seine politische Meinung zu artikulieren. Doch es ist schon zu fragen, ob Ironie immer reicht, um eine Rolle rechtfertigen zu können. Schließlich gehört nach Spaemann zu dem Gebildeten auch das Vertrauen in die eigene Urteilskraft und das Selbstbewusstsein, seinen subjektiven Urteilen objektive Gültigkeit zuzugestehen (vgl. Z. 71 f. im Material). Ein bloß ironisches oder zweideutiges Verhältnis zu den eigenen Urteilen entspricht diesem Selbstbewusstsein nicht, auch wenn es gute Gründe für diese Ironie gibt.

Wie gesagt ist Schmidts großes Wissen grundsätzlich verknüpft, sodass er nie „nur“ Wissenschaftler ist, sondern immer auch in der Lage ist, sein Wissen selbst zu reflektieren. Seine gesamte persönliche Lebensphilosophie läuft zudem darauf hinaus, dass er auch in nebensächlichen und beiläufigen Dingen noch „das eigentlich Menschliche“ sucht (S. 76). Das ist für ihn das Poetische. Somit strebt er immer an, Zusammenhänge zwischen verschiedenen Wissensbereichen zu sehen, und entspricht Spaemanns Beschreibung eines gebildeten Menschen. Das bedeutet, dass Schmidt nicht sklavisch bloß innerhalb eines einzigen Wissensbereiches lebt, sondern die Zusammenhänge sieht. Deswegen fällt es ihm auch nicht schwer, seine Sprache an die jeweilige Situation anzupassen. Es gelingt ihm leicht, „unter selbstverständlicher Wahrung artiger Formen“ einen „Ton superioren Übermuts“ anzuschlagen, als Jenny Treibel gebremst werden muss (S. 175).

Zu guter Letzt sei noch der wichtigste Beweis für Schmidts Bildung angeführt: Wilibald Schmidt ist ein Mensch mit einer ausgezeichneten Fähigkeit, Freundschaften zu halten und zu pflegen. Er ist sogar die „Seele des Kränzchens“ (S. 60 f.), das sich regelmäßig bei ihm trifft. Vielleicht liegt es daran, dass die Freundschaft und das Wohlwollen, das er anderen entgegenbringt, auf ihn zurückwirken – jedenfalls zeigt er sich im gesamten Roman nie freudlos. Im Gegensatz zu Jenny Treibel, die zuletzt „eine starke Verstimmung“ entwickelt (S. 208), ist seine gute Laune nie in Gefahr. Da wahrhaft gebildete Menschen laut Spaemann „mehr Freude als andere“ haben (Material, Z. 94), scheint diese Verteilung logisch zu sein.

Alles in allem hat sich die erste Vermutung als zutreffend herausgestellt. Die Untersuchung zeigt, dass Wilibald Schmidt ein sehr gebildeter Mensch im Sinne Spaemanns ist; manchmal übertreibt er vielleicht etwas mit seinem Hang zur Selbstironie und Gelassenheit, aber über diesen Punkt ließe Schmidt als gebildeter Mensch sicherlich mit sich reden. Fontane ist mit dem Roman eine realistische Darstellung bestimmter Kreise des Bürgertums gelungen; zwar waren nicht alle diese Kreise gebildet, doch derjenige Schmidts schon.

Aufgabe 3:

Dass Bildung erstrebenswert ist, scheint eine weitestgehend unbestrittene Tatsache zu sein. Aber ob „Bildung“ auch tatsächlich durch die öffentlichen Schulen gefördert wird, ist das Streitthema in zahlreichen Diskussionen. Der Philosoph Robert Spaemann z. B. bestreitet, dass die öffentlichen Schulen überhaupt ein Interesse daran haben, Schüler zu bilden. Im Folgenden soll diese These Spaemanns überprüft werden. Der Maßstab für Bildung soll in diesem Fall das Menschenbild der Weimarer Klassik sein.

Einer der Grundgedanken der Epoche der Klassik war, dass zwischen Mensch und Welt ein Ausgleich möglich ist, indem beide zu ihrem Recht kommen. Dies lässt sich zum Beispiel an Goethes Sonett „Natur und Kunst“ nachvollziehen: Darin wird der Gedanke ausgedrückt, dass zwischen der Welt und der Kunst, d. h. der schöpferischen Tätigkeit des Menschen, keine absoluten Widersprüche existieren. Wie in der Aufklärung wird der Mensch als frei und selbstbestimmt verstanden. Doch deswegen muss er seine Ideen nicht mit brutaler Gewalt realisieren, wie es in der Französischen Revolution geschehen ist. Stattdessen ist es dem Menschen möglich, seine Ideen durch „Bildung“ zu realisieren. Die Bildung wird also als Möglichkeit verstanden, zu einem harmonischen Ausgleich zwischen den Erwartungen des Einzelnen und denen der Welt zu gelangen. Doch der Mensch entwickelt nach dem Ideal der Klassik nicht bloß ein harmonisches Verhältnis zur Welt, sondern er findet auch zu einem Ausgleich mit sich selbst – zu einem Ausgleich zwischen „Pflicht und Neigung“, wie Schiller es formuliert hätte, und zu gebildeter Moralität. Seine Bildung ist gleichzeitig nicht nur ein persönlicher Fortschritt, sondern auch einer für die gesamte Gesellschaft oder sogar die ganze Welt; deswegen erscheint das harmonische Bildungsideal der Klassik auch als „Konkurrenzmodell“ zu Ideen, die zu einer revolutionären und gewaltsamen Veränderung der Welt führten.

Dieser große Anspruch an die Bildung des Menschen ist die Idee der Klassik. Nun lässt sich zunächst einmal feststellen, dass die öffentlichen Schulen diese Idee häufig in ihre Lehrpläne geschrieben haben. Für den diesjährigen Abiturjahrgang Hessen fand vor allem in der Q1 im Fach Deutsch eine Auseinandersetzung mit dem Menschenbild der Klassik statt. Verwandte Gedanken werden aber auch in anderen Fächern an die Schüler herangetragen. Das ist zunächst einmal ein sehr deutlicher Widerspruch zu Spaemanns These – denn wenn der Bildungsgedanke sogar im Lehrplan festgeschrieben ist, wie sollten die Schulen dann kein Interesse an seiner Realisierung haben?

Spaemann würde behaupten, dass dieser Widerspruch bloß ein Scheinwiderspruch ist; denn er vermutet, dass die wahre Tätigkeit der Schule vor allem darin besteht, die Menschen zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen. „Nützlichkeit“ muss jedoch primär als Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt verstanden werden. Bildung dagegen entspreche diesem Nützlichkeitsgedanken nicht: „Gebildete Menschen sind nicht nützlicher als ungebildete und ihre Karrierechancen sind nicht besser.“ (Z. 1 f.) Ein mögliches Gegenargument ist folglich, dass die öffentlichen Schulen zwar laut Lehrplan an Bildung interessiert sind, jedoch in erster Linie darauf abzielen, „nützliche“ Absolventen hervorzubringen. Bildung im Sinne Spaemanns wäre dann ein allenfalls zweitrangiges Interesse.

Die Beurteilung der These Spaemanns scheint vor allem von der tatsächlichen Situation in den öffentlichen Schulen abzuhängen und nicht so sehr von Lehrplänen oder Absichtserklärungen. Aber hier ist das Bild uneinheitlich. Sicherlich werden die allermeisten Schüler von Unterrichtserlebnissen berichten können, die sie als bereichernd und „bildend“ erlebt haben. Das persönliche Engagement vieler Lehrer ermöglicht diese Erlebnisse unabhängig von allen Lehrplänen.

Aber hat die Schule wirklich Interesse daran, Bildung in einem emphatischen, klassischen Sinne zu ermöglichen? Auf dem Weg zu diesem hohen Ziel scheinen viele Hürden zu stehen – etwa eine gelegentlich schlechte Ausstattung der Schulen, unzumutbare Räume und zu große Klassen. Betrachtet man dann noch viele schulpolitische Diskussionen, so kommt man zu dem Schluss, dass wenig über Bildung gesprochen wird. Stattdessen wird häufig über „Kompetenzen“ als Ziel des Schulunterrichts gesprochen. Kompetenzen müssen kein Widerspruch zu Bildung sein, aber man kann manchmal nur schwer den Eindruck loswerden, dass tatsächlich gerade diejenigen Kompetenzen im Mittelpunkt stehen, die die „Karrierechancen“ (Material, Z. 1 f.) der Schüler erhöhen und sie „nützlicher“ machen (Z. 1).

Letztendlich lässt sich deswegen festhalten, dass Spaemanns Behauptung etwas Wahres enthält. Denn es gibt tatsächlich Tendenzen an den öffentlichen Schulen, die nicht gerade zu einer Vermehrung von Bildung im klassischen Sinne führen werden. Andererseits gibt es immer wieder engagierte Lehrer, die auch in eher dürftigen Verhältnissen noch Bildungserlebnisse ermöglichen. Ob dies trotz oder gerade wegen des Schulsystems geschieht, bleibt wohl vorerst eine Gretchenfrage. Das Bildungsideal selbst scheint nicht an Attraktivität verloren zu haben, denn immerhin befasst sich ein Philosoph wie Spaemann noch damit. In welche Richtung das Pendel in Zukunft tatsächlich ausschlagen wird, sollte jedoch weiter beobachtet werden.

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