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Begehren und Tod: Textinterpretation Epik: E. T. A. Hoffmann: „Das Fräulein von Scuderi“


Lösung

Aufgabe 1:

Im Jahr 1819 erschien E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“. In dem vorliegenden Textauszug geht es um eine Unterhaltung zwischen Olivier, dem Gesellen des bekannten Goldschmiedes Cardillac, und der Dichterin Fräulein von Scuderi. Olivier berichtet darin von einem Bekenntnis, das sein Lehrer ihm gemacht hat.

Während des gesamten Passus redet ausschließlich Olivier, der nicht nur der Geselle Cardillacs ist, sondern auch dessen zukünftiger Schwiegersohn. Olivier beabsichtigt nämlich, Cardillacs Tochter zu heiraten, sodass ein doppeltes Vertrauensverhältnis zwischen ihm und seinem Meister besteht. Dieser habe ihm folgendes anvertraut:

Seit seiner Geburt schon werde er, Cardillac, von einem bösen Stern verfolgt; diesen Umstand führt er auf ein Erlebnis seiner Mutter zurück, das sie während ihrer Schwangerschaft gehabt habe. Sie habe einen prächtig herausgeputzten Kavalier beobachtet, der ihr zuvor bereits einmal den Hof gemacht hatte. Damals hatte sie ihn jedoch angewidert abgewiesen; doch der Schmuck, den er nun trug, machte so großen Eindruck auf sie, dass es ihm nun gelang, sie von ihren Freundinnen zu trennen und sie zu umarmen. Just in dem Moment, in dem die Mutter fasziniert nach seiner Kette greifen wollte, sank der Kavalier unvermittelt zu Boden und starb.

Die Mutter erholte sich nur langsam von diesem Erlebnis und für Cardillac wiederum war es die Ursache seiner „seltsamsten und verderblichsten Leidenschaften“ (Z. 22 f.). Denn sein ganzes Leben lang faszinierten Cardillac nun „glänzende Diamanten, goldenes Geschmeide“ (Z. 24). Schon in seiner Kindheit beging Cardillac erste Diebstähle, wurde jedoch durch die harten Strafen seines Vaters davon abgehalten, seiner Leidenschaft weiter nachzugeben.

Um seine Interessen verwirklichen zu können, ergriff Cardillac den Beruf des Goldschmiedes. Er wurde schon bald „der beste Meister dieser Art“ (Z. 32) und konnte, ohne daran gehindert zu werden, seine Faszination ausleben. Gleichzeitig zeigte sich die Tendenz, dass ihn Traurigkeit und Unruhe befielen, sobald er für Kunden einen Auftrag erledigt und ihnen den Schmuck ausgehändigt hatte. Zu ihm sprach dann eine innere Stimme, die behauptete, der Schmuck sei eigentlich sein eigener Besitz, bloß gehöre er gegenwärtig „Toten“ (Z. 40). In dieser Zeit kaufte Cardillac sich ein Haus. Er folgte seiner Stimme, wurde auch ein Meister der Diebeskunst und stahl sich den ausgelieferten Schmuck wieder zurück.

Doch dabei blieb es nicht, denn Cardillacs innerer Trieb brach nun völlig durch; die Stimme meldete sich wieder zu Wort und erinnerte Cardillac erneut daran, dass sein Geschmeide „ein Toter“ trage (Z. 46). In Cardillacs Innerem wuchs nun Mordlust gegen diejenigen, die seinen Schmuck trugen. Nachdem er von inneren Bildern der verhassten Schmuckträger verfolgt und gequält wurde, beging er schließlich seinen ersten Mord. Diese Tat verschaffte Cardillac innere Ruhe. Der Sinn der Behauptung seines Dämons – wonach sein Schmuck von „Toten“ getragen werde – ging ihm nun auf. Ihm wurde klar, dass er seinem Mordtrieb folgen musste, wollte er nicht selbst untergehen, und er wurde wiederholt zum Mörder.

Nachdem er Olivier dieses Geständnis gemacht und zudem versichert hat, dass er trotz seiner unbezwingbaren Neigung noch Mitgefühl für die Menschen besitze, zeigte er ihm schließlich ein Gewölbe in seinem Haus, in dem er das angesammelte Diebes- und Raubgut hortete. Am Tag seiner Hochzeit mit Cardillacs Tochter solle Olivier ihm einen Eid ablegen, dass all diese Schätze nach Cardillacs Tod „in Staub“ verwandelt und also vernichtet würden (Z. 78). Kein anderer Mensch solle in den Besitz dieser durch Morde erlangten Gegenstände kommen.

Damit schließt Oliviers Bericht gegenüber dem Fräulein von Scuderi. Sie wurde durch den Goldschmiedgesellen über den Täter und dessen Motive für eine Reihe von Diebstählen und Morden in Paris im Jahr 1680 aufgeklärt.

Aufgabe 2:

Nicht nur in E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“ geht es um Tod und Begehren. Auch Patrick Süskinds Entwicklungsroman „Das Parfum“ aus dem Jahr 1985 handelt von der Geschichte eines jungen Mannes, der durch seinen inneren Trieb zu einem Mörder wird. Wie E. T. A. Hoffmann verlegt Süskind seine Handlung in die Vergangenheit: „Das Parfum“ spielt im Frankreich der Mitte des 18. Jahrhunderts, der Schauplatz ist zum Teil ebenfalls Paris. Das sind jedoch nicht die einzigen Parallelen zwischen den beiden Geschichten; im Folgenden sollen sie hinsichtlich des Verhältnisses der Protagonisten zu Begehren und Tod verglichen werden. Sowohl Cardillac als auch Grenouille – der Protagonist in „Das Parfum“ – erscheinen als geniale Individuen, die den Tod unbeteiligter Menschen für ihre Lebenswerke in Kauf nehmen. Das bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass sie den Tod ihrer Mitmenschen gern in Kauf nehmen, wie sich schon an Cardillac zeigen lässt.

Dessen „Begehren“ bezieht sich seit dem Erlebnis seiner Mutter vor seiner Geburt auf alle Arten von Diamanten, Gold und Schmuck. Er selbst bezeichnet es als „angeboren“ (vgl. Z. 30), es erscheint also nicht als das Resultat einer gesellschaftlichen Prägung oder einer späteren Erfahrung. Dementsprechend kann dieses Begehren auch nicht durch Willenskraft bezwungen oder geschwächt werden – Cardillac muss seinem Begehren auch gegen seinen eigenen Wunsch folgen, „nachgeben und untergehen“ (Z. 65). Er ist deswegen komplett durch seine Wünsche beziehungsweise seinen Dämon und „bösen Stern“ determiniert und hat keine Chance, sich dagegen zu entscheiden. Eine andere Frage ist, welche „Bedeutung“ Cardillacs Begehren für die Geschichte hat. Es ist seine Motivation und sein Antrieb für die Straftaten, aber gleichzeitig erscheint Cardillac, wenn seiner Geschichte Glauben geschenkt werden soll, nicht als wirklich frei in seinen Entscheidungen – daher ergibt es wenig Sinn, „die Moral von der Geschichte“ darin zu sehen, dass Mord und Raub schlechte Lebensentscheidungen sind. Die Bedeutung von Cardillacs Begehren erschöpft sich nicht in einem individuellen Wunsch beziehungsweise einer individuellen Geisteskrankheit. Bereits die Mutter Cardillacs hatte sich als sehr anfällig für den schönen Schein des Geschmeides gezeigt: Es hat die Fähigkeit, auch banale und schlechte Menschen als „Wesen höherer Art“, als „Inbegriff aller Schönheit“ erscheinen zu lassen (Z. 10 f.). So gesehen handelt es sich bei Cardillacs Begehren um eines nach dem Schönen schlechthin, das in allen Menschen zu finden ist. Bei Cardillac ist es jedoch besonders ausgeprägt und es raubt ihm sozusagen den Verstand.

Cardillac ist bereit, für sein Ziel über Leichen zu gehen, doch seine innere Stimme interpretiert seine Verbrechen nicht einfach als Morde. Vielmehr etikettiert es Cardillacs Opfer als Menschen, die bereits tot sind (vgl. Z. 46), logisch betrachtet also gar nicht mehr getötet werden können. Bezieht man in die Überlegungen ein, dass Cardillac nach dem „Inbegriff aller Schönheit“ strebt, können diese Einflüsterungen auch anders interpretiert werden. Die lebenden Toten sind dann diejenigen, die die vom Künstler Cardillac hergestellte Schönheit nicht zu würdigen und mit Leben zu erfüllen wissen. Ihnen die Kunst anzuvertrauen wäre so gesehen ein Frevel – nicht aber sie zu töten. Dabei könnte es sich um eine Entschuldigung und Rechtfertigung für die eigenen Vergehen handeln. Da er in seiner Gier und seiner Sucht in dem Glauben zu leben scheint, dass nur er der wahren Schönheit würdig ist, ist es auch konsequent, dass er Olivier darum bittet, seinen Hort nach seinem eigenen Tod zu zerstören. Der „eigene“ Tod ist für Cardillac nämlich das Ende der vollkommenen Verständigkeit und Kundigkeit allem Schönen gegenüber. Deswegen sollte dieses Schöne auch mit ihm untergehen, damit es keinem Frevel zum Opfer fällt; der Tod ist für Cardillac nicht zuletzt das Ende des eigenen Lebenswerkes, das nur er selbst wirklich schätzen kann.

Mit Grenouille existiert neben Cardillac sozusagen ein Verwandter im Geiste. Denn er ist genau wie Cardillac von Geburt an mit einem übernatürlich starken Wunsch und genialischen Fähigkeiten ausgestattet. Während Cardillac durch das Schockerlebnis seiner Mutter geprägt wurde, ist Grenouilles Begehren nach dem perfekten Duft auf die Umstände seiner Geburt auf einem stinkenden Fischmarkt zurückzuführen. Er hat keinen Eigengeruch, dafür aber einen fantastischen Geruchssinn und damit die beste Voraussetzung, um ein überragender Parfümeur zu werden. Sein starkes Begehren danach, den vollkommenen Duft zu kreieren, ist ebenso wie Cardillacs Faszination nicht restlos erklärbar. Da er selbst keinen Eigengeruch besitzt und zudem ein ungeliebtes Waisenkind ist, lässt sich sein Wunsch jedoch als Streben nach Selbstvervollkommnung deuten; denn er begehrt gerade das, woran es ihm am meisten mangelt. Nachdem es ihm gelingt, den vollkommenen Duft herzustellen, sieht man zudem, dass dieser Geruch eine eigentümliche Wirkung auf die Menschen ausübt. Schließlich beginnen sie ihn zu „vergöttern“ (S. 306), obwohl sie ihn vorher als Mörder verachtet haben. Grenouille begehrt mit anderen Worten die Anerkennung und Liebe seiner Mitmenschen; als sie ihm geschenkt wird, reagiert er jedoch mit Verachtung. Er glaubt sich lediglich maskiert zu haben, nicht jedoch wahrhaft verstanden worden zu sein, und sucht daher den Tod. Für das Gesindel, vor dem er sich mit seinem Duft übergießt, wird er zu einem „Engelsmenschen“ (S. 319). Doch ihre Liebe äußert sich, indem sie ihn töten und in einem kannibalischen Fest verspeisen. Durch ihre Unvollkommenheit zerstören und besudeln sie folglich die Perfektion, die Grenouille hergestellt hat.

Der Tod beendet jedoch nicht nur Grenouilles Leben, sondern er begleitet es. Denn um etwas Vollkommenes herzustellen, muss Grenouille etwas Vollkommenes zerstören: Der Duft der jungen Mädchen, den er für sein Parfum benötigt, lässt sich nur einfangen, nachdem er die Mädchen ermordet hat. Die Ermordung von Menschen wird wie bei Cardillac jedoch durch einen höheren Zweck „geadelt“: Sie ermöglicht die Schöpfung des Vollkommenen und Schönen. Grenouille und Cardillac erscheinen in diesem Aspekt wie Parodien künstlerischer Genies, etwa der Sturm-und-Drang-Idee von Prometheus.

Darüber hinaus ist der Tod für Grenouille aber auch die einzige Wahl, die er noch hat, als er merkt, dass sein Traum gescheitert ist. Die Anerkennung und Liebe, die er schaffen wollte, wurde missverstanden und besudelt. Der Tod ist deswegen das Ende seines persönlichen (und misslungenen) Lebenskunstwerkes.

Insgesamt ähneln sich die beiden Protagonisten trotz des historischen Abstandes zwischen den beiden Texten sehr. Denn beide erscheinen als negative Genies, die durch ihre Fähigkeiten zwar überragend schöne Kunstwerke erschaffen können, denen jedoch zum Erreichen dieses Zwecks jedes Mittel recht ist. Weiterhin ist selbst der praktische Nutzen der Kunstwerke gering; denn Grenouille fühlt sich und seinen Duft durch die Massen missverstanden und „besudelt“ und Cardillac scheint seinen Kunden ebenfalls die Fähigkeit abzusprechen, seinen Schmuck zu tragen. So ist die Arbeit der beiden Genies letztendlich eine Tätigkeit, die viel Leid verursacht, doch wenig Nutzen hervorbringt.

Dies ist, wie schon in der Einleitung gesagt wurde, auf die Skrupellosigkeit der beiden Künstlerindividuen zurückzuführen, denen der Zweck jedes Mittel heiligt. Die beiden Figuren können den Lesern deswegen kaum als „Vorbilder“ dienen, eher jedoch als abschreckende Beispiele gegen den Gestus des Genies. Gleichzeitig beziehen sich beide Texte auf historische Ereignisse – ein Umstand, der schon dadurch deutlich wird, dass sie ihre Handlungen jeweils in die Vergangenheit verlegen. Süskind und E. T. A. Hoffmann stellen die Bedrohlichkeit des Geniegedankens dar, der am Ende des 18. Jahrhunderts entstanden ist und seitdem vielleicht zu gesellschaftlicher Gewalt im Namen einer höheren Idee geführt hat. Die Französische Revolution, die die Ideale der Aufklärung in Gewalt münden ließ, wäre ein Beispiel; aber auch im 20. Jahrhundert, der Zeit Süskinds, existierten noch Personenkult und die Idee einer idealen und vollkommenen Gesellschaft, für die getötet werden darf.

Aufgabe 3:

Hohes Gericht, Frau Anklägerin,

niemand hier macht einen Hehl daraus, dass der Angeklagte kein Engel ist. Das muss er auch nicht sein, es wäre töricht, dies von einem Menschen zu verlangen.

Dennoch führt uns vor diesem besonderen Gericht die Frage zusammen, wie die Handlungen des Dr. Faust moralisch zu beurteilen sind. Rein juristisch betrachtet sind seine Taten nämlich schwer zu bewerten. Zumindest, hohes Gericht, ist es mir während meiner Recherchen im Strafgesetzbuch nicht gelungen herauszufinden, welche Strafe für einen Pakt mit dem Teufel vorgesehen ist. Die einzigen nennenswerten Rechtsbrüche, die mein Mandant begangen hat, waren zum einen die geplante Fluchtbeihilfe des mittlerweile hingerichteten Gretchen. Zweitens wird ihm die Teilnahme an einer unangemeldeten politischen Demonstration auf dem Blocksberg zur Last gelegt. Ich fordere das Gericht auf, mit der Verurteilung abzuwarten, bis der Untersuchungsausschuss zum dortigen Polizeieinsatz seine Ergebnisse vorgelegt hat. Fürs Protokoll: Ich möchte diese Straftaten nicht unter den Tisch kehren, weise jedoch darauf hin, dass es erstens bei einer bloßen Absicht geblieben ist und dass ihre Bedeutung angesichts der hier zu behandelnden moralischen Fragen zweitens verblasst.

Wenden wir uns also den – interessanteren – moralischen Fragen zu. Ich darf gleich vorab festhalten, dass ich die Schuld meines Mandanten zwar nicht für gering halte, jedoch gleichzeitig nicht für so hoch, dass es zu gerichtlichen Ahndungen kommen sollte.

Die Anklage konzentriert sich auf den Kasus Gretchen. Das ist verständlich, denn dieser Kasus schließt einige der fragwürdigsten Aktionen meines Mandanten ein. Beginnen wir ganz allgemein mit dem Anklagepunkt „Ruinierung von Gretchens Ansehen“. Eine junge Frau wurde in den Augen der Öffentlichkeit zu einer Geächteten, da sie sich in einer unehelichen Beziehung befand und schwanger wurde. Der Liebhaber blieb fern, das Gerede ging los – unter anderem kam es auch dem nun ebenfalls verstorbenen Valentin zu Ohren, darauf komme ich gleich zurück. Ohne Frage schreit solch ein Vorgang nach einem Schuldigen. Und schnell sind sich alle einig, dass es Faust sein muss. Doch erstens wusste der gar nichts von seinem Vaterglück und zweitens darf ich selbst vor so einem hohen moralischen Gericht wie diesem an den Common Sense appellieren und behaupten, dass eine uneheliche Liebschaft beileibe nicht das schlimmste aller Vergehen ist. Das eigentlich Skandalöse an den Vorgängen ist doch vielmehr, in welcher Weise sich die Öffentlichkeit über eine junge Frau den Mund zerreißen kann, die sich nichts weiter hat zuschulden kommen lassen, als sich in einen Mann zu verlieben, der nicht für ein bürgerliches Eheleben geeignet war.

Schwerer wiegt der Anklagepunkt, Faust trage eine moralische Mitverantwortung am Tod der Mutter. Zwar konnte er nicht wissen, dass das vermeintliche Schlafmittel in Wahrheit Gift war, doch handelt es sich nicht auch beim Verabreichen eines Schlafmittels um eine verwerfliche Tat? Keiner streitet das ab, hohes Gericht! Aber eben um eine verhältnismäßig geringfügige Gaunerei; auch bitte ich zu bedenken, dass der Angeklagte den Einflüsterungen von niemand Geringerem als Mephistopheles höchstpersönlich ausgesetzt war. Unter diesen Umständen von voller Schuldfähigkeit zu sprechen wäre schon kühn.

Was den Tod Valentins angeht, so plädiere ich für den völligen moralischen Freispruch meines Mandanten; die körperliche Auseinandersetzung wurde vom mittlerweile – Gott hab ihn selig – Verstorbenen gesucht, gefunden und verloren. Dass er dabei der skandalösen Hetzstimmung in der damaligen Öffentlichkeit erlag, macht die Sache nicht besser.

Der Tod des gemeinsamen Kindes fällt in dieselbe Rubrik; dass wir uns nicht missverstehen: Mein Argument ist nicht bloß das vereinfachende „Die Gesellschaft hat Schuld“, das immer dann angebracht wird, wenn sich Angeklagte in besonders aussichtslosen Situationen befinden. Mein Argument ist vielmehr, dass mein Mandant gar nicht erst initiativ geworden ist und sich somit auch kein Vergehen hat zuschulden kommen lassen. Vielmehr hat Gretchen in ihrer Angst und Verzweiflung das Kind getötet, als sie die gesellschaftliche Ächtung fürchten musste.

Hohes Gericht, Frau Anklägerin! Nach meiner Ansicht und auch nach der meines Mandanten läuft alles auf die Frage hinaus, wie sein Pakt mit dem Teufel zu beurteilen ist. Glauben Sie mir, auch wir machen uns diese Frage nicht leicht und mein Mandant beurteilt sein eigenes Verhalten sogar noch strenger als ich. Doch wenn wir uns nüchtern und sachlich die Tatsachen anschauen, müssen wir anerkennen, dass dieser Pakt letztendlich von oberster Instanz, sozusagen von höchstrichterlicher Stelle, wenn nicht moralisch gebilligt, so doch augenzwinkernd in Kauf genommen wurde. Der Herr selbst hat schließlich dem Satan seinen Vorschlag nicht abgeschlagen, die moralische Tüchtigkeit meines Mandanten einem Test zu unterziehen. Seine Vergehen folgten somit einem göttlichen Plan – so wie alles andere auch – und es handelt sich bei seinen Fehltritten mitnichten um ein individuelles Verschulden, sondern um ein sehr menschliches Streben nach dem Guten, das manchmal in Schlechtem mündet. Auch der Teufel selbst konnte Faust jedoch nicht davon abbringen, sich immer um das Gute zu bemühen, und dies scheint mir das Entscheidende zu sein, hohes Gericht.

Insofern plädiere ich für Freispruch in allen Anklagepunkten. Dr. Faust ist kein besserer, aber auch kein geringerer Mensch als wir alle. Wer darüber anders denkt, der werfe den ersten Stein.

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