Bessere Noten mit Duden Learnattack Jetzt kostenlos testen
 

Analyse von literarischen Texten, Textvergleich: Bruno Frank: „Politische Novelle“, Thomas Mann: „Mario und der Zauberer“


Lösung

Zur Analyse liegt ein Textauszug aus Bruno Franks Erzählung „Politische Novelle“ aus dem Jahr 1928 vor. Im Folgenden wird zunächst der Inhalt des Abschnitts wiedergegeben, anschließend sollen die Erzählstruktur und die sprachlich-stilistische Gestaltung des Textes untersucht werden.

Carl Ferdinand Carmer, ein (fiktiver) deutscher Minister der Weimarer Republik, hält sich im italienischen Ferienort Ravello auf. An einem Sonntag beobachtet er von einem kleinen Café aus den menschenleeren Platz neben einer Kathedrale. Der Platz wirkt anders als sonst, da er mit Plakaten für eine faschistische Wahlkampagne dekoriert wurde. Carmer betrachtet kritisch die Veränderungen der Umgebung sowie der Menschen, die von einer nahenden Diktatur in den Bann gezogen werden.

Den „letzte[n] Sonntag“ (Z. 1) vor seiner Abreise verbringt Carmer morgens nach einem kurzen Spaziergang als einziger Gast im Café gegenüber der Kathedrale, wie er es während seines Aufenthalts jeden Sonntag getan hat. Währenddessen findet der sonntägliche Gottesdienst statt, weshalb der Platz wie immer zu dieser Zeit menschenleer ist. An den bisherigen Sonntagen konnte Carmer von seinem Platz aus nach dem Ende der Messe, sobald die Kirchentür aufgeschlossen wurde, ins Innere des leeren, reich geschmückten sakralen Raums blicken. Er ließ dann seinen Blick über den Kirchplatz wandern und beobachtete mit Sympathie die aus der Kirche strömende Menschenmenge. (Vgl. Z. 1–16.)
Am gegenwärtigen Sonntag jedoch nimmt Carmer eine veränderte Atmosphäre wahr („Heute war alles ganz anders“, Z. 17): Die Piazza ist mit großen Plakaten „dekoriert“ (Z. 19). An Schaufenstern und auf Mauerflächen, sogar außen an der Kathedrale prangen Porträts des „Herr[n] der Herren“ (Z. 27-28), also eines politischen Führers, wahrscheinlich Mussolinis, der jedoch im vorliegenden Abschnitt nicht beim Namen genannt wird. (Vgl. Z. 20–28.)
Carmer denkt in einem kurzen Exkurs über die Entwicklung des Faschismus in Italien nach und kritisiert diesen mit harschen Worten („Seuche“, Z. 29). Mussolini habe als Handlanger der Industriellen seine Macht vom Norden auf den Süden ausgeweitet und dabei die Arbeiterklasse „gefügig gemacht“ (Z. 31). (Vgl. Z. 29–35.)
Anschließend ruft der Erzähler die Geschichte Italiens mit den wechselnden Herrschaftsverhältnissen in Erinnerung und reflektiert über die daran anschließende Durchsetzung des Faschismus. (Vgl. Z. 35–42.)
Auf der vor ihm liegenden Piazza nimmt Carmer die Vorbereitungen für eine faschistische Propagandaveranstaltung wahr. Ehe die Veranstaltung beginnt, begleicht Carmer seine Rechnung und verlässt das Café. In diesem Moment endet der Gottesdienst und die Kirchengemeinde strömt auf den Platz. (Vgl. Z. 55–67.)
Im letzten großen Abschnitt des Textes beobachtet Carmer, wie die Menschenmenge auf der Piazza der faschistischen Propaganda und deren Ritualen erliegt. Anstelle des sonst sonntags üblichen Corsos scheint ein „Waffenfest“ (Z. 55) stattzufinden. Die Menschen stimmen nach und nach in eine faschistische Hymne ein, bis alle auf dem Platz Versammelten das Lied mitsingen. Schließlich begibt sich ein Redner auf die Bühne. Angewidert hört Carmer den Beginn der Rede, deren Inhalt ihm vertraut vorkommt. Ihn überkommt eine Ahnung dessen, was der vom Faschismus begeisterten Menschenmenge bevorsteht. (Vgl. Z. 5265.)

Der Inhalt des Textausschnittes wechselt zwischen Beschreibungen der Piazza und der angrenzenden Gebäude, Reflexionen über geschichtliche und politische Ereignisse und Kommentaren des Er-Erzählers aus Sicht Carmers. Dabei lassen sich unterschiedliche Zeitebenen ausmachen: So wird der Leser zunächst durch einen Rückblick in den üblichen Ablauf der Sonntage während Carmers Aufenthalt in Ravello eingeführt (vgl. Z. 3–16). Anschließend wechselt die erzählte Zeit zur Gegenwart, in der Carmer Veränderungen in dem italienischen Ort wahrnimmt (vgl. Z. 17–34). Darauf folgt ein historischer Exkurs zur Entwicklung des Faschismus und zu den wechselnden Machtverhältnissen in Italien (Z. 35–41). An diesen Einschub schließen wiederum Schilderungen des gegenwärtigen Geschehens auf der Piazza an, wobei das epische Präteritum zum Einsatz kommt (Z. 4265). Am Ende des Textausschnitts stellt der Erzähler eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart her, indem er sich an Reden mit entsprechendem Inhalt wie die soeben gehörte erinnert (vgl. Z. 64–65).
Die erzählerische und sprachliche Gestaltung des Textausschnittes ist sehr vielschichtig und trägt dazu bei, die Atmosphäre der Situation und die Gedanken des Erzählers zu veranschaulichen. Die Schilderung wirkt anfangs recht neutral; auch wenn in dem Text die Erzählperspektive eines Er-Erzählers vorherrscht, finden sich Beschreibungen in der unbestimmter wirkenden Man-Form (vgl. z. B. die Beschreibung des Kircheninneren, Z. 7–16). Hier geht es nicht um die persönliche Sichtweise der Hauptfigur, die Beobachtungen könnten auch von jemand anderem stammen und es gibt keine persönliche Wertung. Durch die Verwendung von Diminutiven können allerdings der Ort („Städtchen“, Z. 6) und seine Bewohner („Völkchen“, Z. 13) als positiv konnotiert verstanden werden. Die Diminutive vermitteln zudem eine Ahnung der „heilen Welt“, die der Ort vor der faschistischen Machtübernahme noch darstellte, vielleicht auch von der Naivität, mit der die Bewohner bisher ihr sorgenfreies Leben führten.
Der „Umbruch“, der inhaltlich mit der Propagandaveranstaltung auf der Piazza eintritt, vermittelt sich auch über einen anderen sprachlichen Stil, der die Veränderungen und die bedrohliche Atmosphäre deutlich macht. Die veränderte Atmosphäre und der aufgrund des Faschismus drohende Krieg werden durch Begriffe aus dem Bereich des Militärischen vermittelt („durchbohrte“, Z. 22; „Stahlhelm der Blutjahre“, Z. 24–25; „Heer“, Z. 31). Die Allgegenwart der faschistischen Politik und Propaganda vermittelt der Text über Zahlenangaben und Aufzählungen (z. B. „sechsmal, achtmal starrte es […], beim Bäcker verdeckte es […], Carmers Rücken durchbohrte es […], Z. 20–22). Mussolini wird ironisch karikiert, z. B. als „der Herr der Herren, der Fürst über Leben und Tod, der Übercäsar – der Renegat und Bramarbas“ (Z. 29 f.) und „der Hochmögende in der Toga“ (Z. 38 f.). Die Ironie wird insofern verstärkt, als die neue, faschistische Herrschaft gleichzeitig abwertend mit Krieg und Krankheit (z. B. „Seuche“, Z. 29; „Knechtslärm“, Z. 45) assoziiert wird. Die Alliteration in der aus dem Bereich der Religion stammenden Formulierung „der Herr der Herren“ (Z. 27 f.) unterstreicht die ironische Karikatur. Carmers Bedauern über diese Entwicklungen wird unter anderem durch die Interjektion „Ach“ (Z. 55) zum Ausdruck gebracht.
Insgesamt weist der Text mit seinen zahlreichen Fremdwörtern (z. B. „Sakristan“, Z. 8; „Corso“, Z. 13; „Renegat und Bramarbas“, Z. 28) und historischen Exkursen ein hohes sprachliches Niveau auf. Er richtet sich somit an ein gebildetes Publikum, das idealerweise die politische Botschaft und Warnung des Autors versteht.

In Carmers Haltung zu dem von ihm beobachteten Geschehen lässt sich eine Veränderung feststellen. Zunächst vermittelt der Text Carmers Eindrücke, seine Freude am italienischen Lebensstil und die heitere, entspannte Atmosphäre des Ferienorts. Die südländische Lebensart, die Carmer im positiven Kontrast zum ausdrucksarmen Lebensstil in seiner Heimat wahrnimmt, scheint jedoch mit dem Einzug der neuen Politik verschwunden zu sein. Durch die ironisierende Beschreibung der faschistischen Propaganda und des Führerkults wird Carmers Ablehnung dieser Ideen deutlich. Er bemitleidet das Volk („Ach, diesem Aufwand widerstanden sie nicht“, Z. 55 f.) und fürchtet das, was da kommen mag, da er in seinem Vaterland eine ähnliche Entwicklung erlebt hat. Die Begeisterung der Einheimischen für die faschistischen Inszenierungen nimmt er vor dem Hintergrund ihrer südländischen Mentalität zum Teil als nachvollziehbar wahr („sie erlagen, südliche Kinder, die sie waren, der militanten Geste“, Z. 59), gleichzeitig bedauert er die Menschen wegen ihrer Verführbarkeit. Carmer ist regelrecht angewidert von dem beobachteten Geschehen („Ein bitterer Ekel […] brannte ihm schon bei den ersten Sätzen im Schlunde“, Z. 64 f.), äußert seine Kritik jedoch nicht laut gegenüber den Dorfbewohnern. Es bleibt (vorerst) bei der Schilderung der Ereignisse und der inneren Reflexion darüber.
Bruno Frank formuliert in seiner Erzählung bzw. in dem vorliegenden Ausschnitt eine deutliche Kritik am Faschismus in Italien, und dies bereits in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Dass er damit gleichzeitig den in Deutschland aufkommenden Nationalsozialismus kritisiert, wird durch Andeutungen der Figur Carmer erkennbar („Ja, das hatte Carmer recht häufig gehört. Ein bitterer Ekel, ihm so vertraut […]“, Z. 64) und ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Entstehungszeit des Romans naheliegend. Die Ablösung des alten Systems durch die neue Politik wird nicht nur auf der Handlungsebene dargestellt, sondern kommt auch in den Reflexionen und Kommentaren der Hauptfigur zum Ausdruck sowie in den sprachlich-stilistischen Mitteln des Textes. Dabei trägt die lebendige und anschauliche Schilderung des Geschehens im Ort Ravello dazu bei, dass der Leser die warnende Botschaft des Textes erkennt.

1930, also zwei Jahre nach Franks „Politischer Novelle“, erscheint die ebenfalls als Novelle einzustufende Erzählung „Mario und der Zauberer – Ein tragisches Reiseerlebnis“ von Thomas Mann. Die Handlung geht auf ein Erlebnis der Familie Mann während eines Italienurlaubs in den 1920er-Jahren zurück und kann als Parabel auf den aufkommenden Faschismus in Italien sowie – ähnlich wie Franks Erzählung – als Warnung vor der Verführbarkeit eines Volkes verstanden werden. Die von Thomas Mann dargestellte „unerhörte Begebenheit“, so die Novellendefinition von Goethe, besteht in einer Varieté-Vorstellung des Zauberers Cipolla und dessen Ermordung durch Mario, einen Kellner.
Die Novelle beginnt mit der Schilderung einiger Urlaubserlebnisse der Familie des namentlich nicht genannten Ich-Erzählers. Wie Frank verbindet Mann die Schilderung äußerer Erlebnisse mit den inneren Betrachtungen des Erzählers. Während der Urlaubshochsaison beobachtet der Erzähler die zum Teil ablehnende bzw. wenig wertschätzende Behandlung der nicht italienischen Touristen durch die Einheimischen. Im Zusammenhang mit kleineren Vorkommnissen wird deutlich, dass die Bewohner von Torre di Venere stolze, patriotisch gesinnte Italiener sind, die geradezu überheblich mit den ausländischen Gästen umgehen, von deren Geld sie eigentlich leben. So wird der Familie des Erzählers beispielsweise verwehrt, ihre Mahlzeiten auf der Hotelveranda einzunehmen, mit der Begründung, „daß jener anheimelnde Aufenthalt ,unserer Kundschaft‘, ,ai nostri clienti‘, vorbehalten sei“. Später sieht sich die Familie des Erzählers genötigt, die Unterkunft zu wechseln, nachdem sie im ersten Hotel weiteren Diskriminierungen ausgesetzt war. Einmal beobachtet der Erzähler ein Vorkommnis am Badestrand, wo ein wehleidiger italienischer Junge nach einem Krebsbiss unter großer Anteilnahme von örtlichen Helfern abtransportiert wird, was dem Erzähler unangemessen aufwendig erscheint und er sich nur durch ein übertriebenes nationales Bewusstsein der Anwesenden erklären kann. Bei einer anderen Gelegenheit echauffieren sich Badegäste darüber, dass die kleine Tochter des Erzählers am Badestrand kurz ihren Badeanzug auszieht, um diesen im Meer auszuwaschen. Auch dies wertet er als Anzeichen für ein überzogenes nationales Verständnis von Moral und Anstand. Die kritische Distanz des Erzählers zum Geschehen verstärkt sich und er bedauert rückblickend, nicht schon zu diesem Zeitpunkt abgereist zu sein. Dabei verbirgt er jedoch seine wahren Gefühle und Gedanken vor den Außenstehenden und äußert sie nur dem Leser gegenüber. Er handelt unentschlossen und wehrt sich kaum gegen die ihm widerfahrenden Ungerechtigkeiten, eher weicht er den Problemen aus. So zahlt er beispielsweise die als ungerechtfertigt empfundene Geldstrafe für das Verhalten seiner Tochter am Strand und bleibt auch nach diesem Erlebnis trotz des verspürten Unbehagens mit seiner Familie im Badeort. Der Entschluss zum Bleiben ist durch ein gewisses Interesse des Erzählers an der „Merkwürdigkeit“ des Aufenthalts und den erfahrenen Unannehmlichkeiten motiviert.
Mit dem Beginn der Nachsaison und dem Abreisen vieler Badegäste verändern sich die äußeren Umstände: Die Familie empfindet die Stimmung im Badeort zunächst als angenehmer und die Ankündigung einer Zauberveranstaltung verspricht Abwechslung. Zugleich beschreibt der Erzähler das Wetter als zunehmend schwül und belastend: Es kommt eine „stickige Sciroccoschwüle“ mit leichtem Regen auf, auf dem Weg zur Zaubervorstellung Cipollas gibt es Wetterleuchten. Diesem Wetterumschwung entspricht die spannungsgeladene Atmosphäre während der Vorstellung des Zauberers. Cipollas Darbietung, bei der er das Publikum manipuliert und einzelne Anwesende erniedrigt, ist dramaturgisch und psychologisch genau geplant. So lässt er die Zuschauer zunächst warten, um die Spannung zu erhöhen. Auch wenn Cipolla körperlich wenig attraktiv wirkt, strahlt er großes Selbstbewusstsein aus und tritt dem Publikum gegenüber redegewandt und autoritär auf. Durch seine Accessoires Reitpeitsche und Krückstock unterstreicht er gestisch seine Macht über die Anwesenden. Mit Zahlenspielen, Kartentricks und dem (gespielten) Wissen um die Vergangenheit einzelner Zuschauer beeindruckt er das Publikum und macht es sich gefügig. Dabei preist er in pathetischen Worten die Fähigkeit zum Gehorchen, die er als komplementäre Voraussetzung zum Befehlen darstellt. Nach einer Pause, während der der Erzähler trotz seiner Bedenken die Veranstaltung nicht verlässt, hypnotisiert Cipolla mehrere Zuschauer. So bewirkt er beispielsweise, dass ein Mann seinen Arm nicht mehr heben kann und dass die Pensionsinhaberin Frau Angiolieri sich wie schlafwandelnd durch den Raum bewegt. Schließlich befiehlt Cipolla den Kellner Mario auf die Bühne und spricht ihn auf seine unglückliche Liebe zu Silvestra an. Anschließend bringt er den hypnotisierten Mario dazu, vermeintlich seine Angebetete zu küssen. Als Mario aus der Hypnose erwacht und bemerkt, dass er tatsächlich den abstoßenden Zauberer geküsst und sich damit vor den Zuschauern lächerlich gemacht hat, erschießt er Cipolla. Das Publikum überwältigt den jungen Mann und ruft die Polizei. Im letzten Satz der Novelle äußert der Erzähler, dass er die Ermordung des Zauberers durch den Kellner als Befreiung empfunden habe.
Die Darstellung des Zauberers Cipolla kann als ein Verweis auf faschistisches Denken und Herrschaftsgebaren verstanden werden. Gleichzeitig geht es in der Erzählung um die Frage nach der Freiheit des Willens, die durch Cipollas Hypnosetricks untergraben zu werden scheint. Die Novelle weist damit sowohl eine politische als auch eine psychologische Dimension auf.

Sowohl auf inhaltlicher wie auch auf sprachlicher Ebene lassen sich Parallelen zwischen Franks „Politischer Novelle“ und Manns „Mario und der Zauberer“ ausmachen. In Thomas Manns Erzählung wird wie in Franks Text ein sich wandelndes Italien geschildert, in dem zunehmend Anzeichen von überzogenem Patriotismus und Vorzeichen des aufkeimenden Faschismus erkennbar sind. Beide Erzählungen machen auf die Verführbarkeit eines Volkes bzw. einer Gemeinschaft aufmerksam und stellen diese im Kontext eines nationalistischen Patriotismus dar. In beiden Texten kommt eine „Führerfigur“ vor: bei Frank der (namentlich nicht genannte) Politiker Mussolini, bei Mann der Zauberer Cipolla, der – ähnlich einem demagogischen politischen Anführer – seine Zuschauer manipuliert und beherrscht. In Manns Erzählung lassen sich der Erzähler wie auch die anderen Zuschauer in den Bann des Hypnotiseurs ziehen und erliegen zunächst der Verführungskraft seiner Vorstellung – ähnlich wie sich die Menschenmenge in Franks Erzählung durch die faschistischen Inszenierungen verführen lässt. Dabei spielen in beiden Erzählungen Symbole der Macht und die Atmosphäre des Auftritts, durch die das Volk bzw. die Zuschauer beeindruckt, verführt und kontrolliert werden, eine wichtige Rolle. Die mit den Inszenierungen verbundenen Täuschungen und Manipulationen werden von den Erzählern reflektiert und kritisch kommentiert.

Hinsichtlich der äußeren Umstände, unter denen die Verführung der Menschen durch Inszenierungen und Manipulationen stattfindet, weisen die beiden Texte jedoch Unterschiede auf: Während in Franks Erzählung der Aufbau einer Rednertribüne, die „Dekoration“ des Platzes mit Wahlplakaten und der faschistische Propagandaaufmarsch und damit die Anwesenheit des Politischen im Alltagsleben geschildert wird, beschreibt Mann eine vordergründig unpolitische Situation während eines Unterhaltungsspektakels. Bezieht der Erzähler bei Frank eine klar erkennbare kritische Haltung gegenüber einer realen politischen Situation, so muss der Leser bei Mann die ambivalente Gefühlswelt des Erzählers interpretieren, der selbst erst im Verlauf der Novelle und mit dem Mord an Cipolla die Bedrohlichkeit der gesamten Atmosphäre begreift. Manns Ich-Erzähler lässt sich durchaus selbst in den Bann des Seltsamen ziehen und durch Cipollas Vorstellung faszinieren, seine Position ist somit weniger eindeutig. Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Texten besteht in der stärkeren Individualisierung der Figuren bei Mann, der diese auch namentlich benennt, und der Typisierung der in der Menge aufgehenden Menschen bei Frank. Bei Frank ist insgesamt sehr viel klarer die politische Dimension der Erzählung erkennbar, während bei Mann die gesamte Handlung mehrdeutig bleibt und sowohl psychologisch als auch politisch interpretiert werden kann.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass beide Texte ein sich im Wandel befindliches Italien zeigen. Bruno Frank wählt einen Erzähler, der von Beginn an kritisch reflektierend die faschistische Machtübernahme in Italien beobachtet. Mithilfe von Rückblicken bzw. erläuternden Einschüben wird die politische Situation des Landes klar und im kritischen Ton beschrieben. In Thomas Manns Erzählung wird weniger eindeutig eine politische Botschaft formuliert. Über die Figur des Zauberers Cipolla und dessen Manipulationen werden sowohl die Mechanismen der (politischen) Demagogie als auch die (psychologischen) Grenzen der Willensfreiheit erkennbar.

Registriere dich, um den vollen Inhalt zu sehen!

VERSTÄNDLICH

PREISWERT

ZEITSPAREND

Weitere Deutschthemen findest du hier

Wähle deine Klassenstufe

Weitere Musterlösungen findest du hier