Bessere Noten mit Duden Learnattack Jetzt kostenlos testen
 

Analyse und Erörterung nicht fiktionaler Texte: U. Greiner: „Diktatur der Fürsorge“ (erhöhtes Anforderungsniveau)


Aufgabe

  1. Arbeiten Sie die Position heraus, die der Autor vertritt.
  2. Setzen Sie sich mit Greiners Auffassung auseinander.

Bitte beachten Sie, dass der Schwerpunkt der Gewichtung auf der zweiten Teilaufgabe liegt.

Material:

ulrich_greiner_diktatur_der_fuersorge.pdf

Lösung

Der Text „Diktatur der Fürsorge“ ist ein Kommentar, der in der Wochenzeitung „Die Zeit“ erschienen ist. Ulrich Greiner bindet seine Überlegungen an eine aktuelle Kampagne der Europäischen Union, nämlich Zigarettenschachteln mit drastischen Fotos erkrankter und zerstörter Organe zu versehen, um Menschen vor dem Rauchen zu warnen und möglicherweise auch vom Rauchen abzuhalten. Greiner ist kein Freund dieser Kampagne, allerdings nicht deshalb, weil er womöglich selbst Raucher ist. Seine Bedenken, die er an den konkreten Einzelfall anknüpft, sind grundsätzlicher Art: Greiner sieht durch diese und ähnliche Maßnahmen die Freiheit, letztlich die Demokratie gefährdet. Dies macht er auch mit der Überschrift deutlich, in der er den Gegenpol zur Demokratie beschwört, die Diktatur.

Von der Gurke zur Diktatur – ist das nicht etwas überzogen? Ist der Text nicht überhaupt zu polemisch, zu alarmistisch? Bevor ich mich dieser Frage zuwende, soll zunächst Greiners Gedankengang vorgestellt werden.

Der Autor gliedert seinen Text in 5 Abschnitte, die jeweils durch einen Absatz voneinander getrennt sind. Im ersten Abschnitt bietet Greiner eine kurze Sammlung detaillierter und konkreter Vorschriften der Europäischen Union. Er verwendet hier eine Dreiergruppe, um seine Erläuterungen zu veranschaulichen: Glühbirne, Gurke, Brezel. Und dreimal wiederholt er die Warnung, dass etwas nicht gesund sei.

Natürlich ist es nicht gesund, z. B. zu viel Salz zu sich zu nehmen. Das bezweifelt auch Greiner nicht. Greiner geht es aber um etwas anderes. Im zweiten Abschnitt wechselt er zu grundsätzlichen Überlegungen. Die Einzelfälle stehen für einen grundsätzlichen und aus Greiners Sicht gefährlichen Trend, den er ausmacht. Es handelt sich um einen Trend, der den Staat, der die Politik betrifft. Greiner will aufzeigen, dass sich der Staat zu einem ausgeprägten Fürsorgestaat entwickelt, der den Menschen entmündigt. Er erwähnt zu Beginn des zweiten Abschnitts die alarmierende Wendung von der „Diktatur der Fürsorge“, die bereits in der Überschrift formuliert ist. Letztlich, so Greiners Schlussfolgerung, verliert der Staat damit seine demokratische Ausrichtung.

Im dritten Abschnitt formuliert Greiner die politische Maxime, die für diesen Staat gelten wird: Freiheit besteht darin, dass man all das tun muss, was jedem Einzelnen und der Gesellschaft nutzt. Greiner zeigt, durchaus polemisch, eine Nähe dieses Grundsatzes zum Kommunismus auf. Früher, in liberalen Zeiten, z. B. in der Menschenrechtserklärung von 1789, bestand Freiheit darin, alles tun zu dürfen, was einem anderen nicht schadet. Von „dürfen“ und „nicht schaden“ zu „müssen“ und „nützen“ – größer könnte der Gegensatz nicht sein. Greiner zeigt einen Wertekonflikt auf: auf der einen Seite Freiheit, auf der anderen Seite Gesundheit und Sicherheit, sicherlich auch verstanden als Sicherheit vor terroristischen Anschlägen. Man verringert – so die Schlussfolgerung, die Greiner nahelegt und auch in einer Zwischenüberschrift noch einmal betont – die Ausprägung der einen Seite, wenn man die andere Seite betont; man kann nicht beide Ziele gleichzeitig verfolgen. Man muss sich entscheiden. Und die Entscheidung für die eine Seite führt zur Verringerung der Werteausprägung auf der anderen Seite. Also entweder mehr Sicherheit und dafür weniger Freiheit oder umgekehrt. Die Provokation, die sowohl in der Nennung des Schreckgespensts Kommunismus liegt als auch in der klaren Entweder-oder-Position mit Blick auf die genannten Grundwerte, zeigt sich zuvor in der Unterüberschrift: „Jeder hat auch die Freiheit, sich selbst zu schaden.“

Im vierten Abschnitt, nach der Zwischenüberschrift, macht Greiner noch einmal deutlich, dass der Fürsorgestaat den Solidargedanken, aber auch die Kontrolle erfordert und fördert. Er verdeutlicht dies wieder an konkreten Beispielen, Skifahren ohne Helm, Rauchen trotz schlechter Gesundheit.

Im letzten Abschnitt verlässt Greiner den Bereich des Politischen. In einer auf den ersten Blick – und auch auf den zweiten! – verblüffenden Volte bringt Greiner den Kontrollwahn, der um sich greift, mit der Religion bzw. mit der Säkularisierung unseres Lebens in Verbindung. Der Gedankengang: Der Mensch ist ein Sünder, was sich z. B. im Rauchen und in den Verstößen gegen Gerechtigkeit zeigt; der Mensch hofft auf Vergebung. An Gott, den allwissenden Kontrolleur früherer Zeit, glaubt der heutige Mensch nicht mehr. Deshalb: Ersatz durch staatlich-gesellschaftliche Kontrolle und Rückmeldung, Vergebung oder Kritik durch unseren Nachbarn.

Was ist von Greiners Argumentation zu halten? Natürlich sind seine Befunde, seine bloßen Beobachtungen richtig: Es gibt einen Trend zu mehr Kontrolle, zu mehr Vorschriften. Allerdings teile ich nicht seine Ursachenanalyse und seine grundsätzliche Prämisse eines Wertekonflikts.

Zunächst möchte ich darauf verweisen, dass es sich bei den Gremien, die die Beschlüsse fassen – mögen uns diese Gremien auch noch so fern und anonym erscheinen – um Institutionen handelt, die demokratisch legitimiert sind oder durch Vertreter von Staaten, die demokratisch ausgerichtet sind. Von daher verbietet sich eigentlich auch ein Vergleich mit dem Kommunismus: Diese Staatsform hat bis zuletzt eine offene demokratische Legitimierung vermissen lassen, ja sogar verhindert.

Wenig überzeugend finde ich auch die sozialpsychologische, religiös-philosophische Reflexion des Schlussabschnitts zu den Folgen einer Säkularisierung der Gesellschaft. Die Reflexion geht davon aus, dass uns das Christentum abhandengekommen sei. Mag die Zahl der Kirchenbesucher geringer werden, mag die Zahl der Kirchenaustritte steigen, mit der Pauschalität, wie Greiner sie behauptet, trifft dies nicht zu.

Für verfehlt halte ich die sich ausschließende Gegenüberstellung von Werten: entweder Freiheit und keine Sicherheit und Gesundheit – oder Gesundheit und Sicherheit, dann aber keine Freiheit. Für mich sind dies keine Werte, die sich ausschließen. Ich möchte viel mehr sagen, dass die genannten Werte zusammenhängen und sich sogar bedingen. Ein erkrankter Mensch hat, um ein konkretes, durchaus auch polemisches Beispiel zu bringen, vielleicht von seiner „Freiheit“, maß- und wahllos zu essen, rege Gebrauch gemacht und dabei seine Gesundheit ruiniert. Welche Freiheit hat er jetzt noch? Schränkt seine ruinierte Gesundheit nicht auch die Freiheit ein? Ein anderes Beispiel: Natürlich stellen Überwachungskameras in Flughäfen, in Fußballstadien und auf öffentlichen Plätzen eine Kontrolle dar. Natürlich kann man hier die Verwirklichung einer negativen Utopie wie in „1984“ sehen. Aber: Wie sieht es um meine Freiheit aus, wenn ich mich aus Angst vor verrohten Hooligans nicht mehr in ein Stadion wage? Oder wenn ich bestimmte Plätze oder Verkehrsmittel aus der Angst vermeide, zu Schaden zu kommen? Der Verzicht auf Kontrolle, auf Sicherheit, kann hier meine Freiheit einschränken und ist nicht, wie Greiner schlussfolgert, Bedingung für meine Freiheit.

Natürlich müssen einer ausufernden Kontrolle gegenüber Grenzen gezogen werden. Die Privatheit muss geschützt werden. Der Grundsatz, wonach Freiheit bedeutet, das tun zu können, was man will, wenn kein anderer zu Schaden kommt, soll weiterhin gelten. Aber auch dieses Verständnis von Freiheit bedarf der Kontrolle, der Überwachung, weil manche Menschen sich gar nicht gegen Schäden wehren können und die Grenzen nicht setzen können. Man denke an Kinder, Kranke, Alte. Niemand, um im konkreten Bereich zu bleiben, auch nicht Vater und Mutter, sollte die Freiheit haben, in Anwesenheit eines Kindes, selbst des eigenen Kindes, zu rauchen. Und zwar unabhängig davon, ob das Kind an einer asthmatischen Erkrankung, die vielleicht noch gar nicht erkannt ist, leidet oder nicht.

Ich finde es bedauerlich, dass Greiner so argumentiert, wie er argumentiert, sowohl inhaltlich als auch formal, durch die bewusste Polemik und Provokation, z. B. in der Unterüberschrift. Er läuft damit Gefahr, dass man die Wichtigkeit des Trends, den er ausmacht, nicht ernst nimmt: die um sich greifende Speicherung, Vernetzung und Auswertung von Daten, die mit den Kontrollen und Verbotsmaßnahmen einhergehen. Sie, die dauerhafte Speicherung, Vernetzung und Auswertung von Daten, sind die Ursache, die unsere Freiheit einschränken, die zu Manipulationsversuchen von Teilen der Gesellschaft führen kann.

Ob man es mit Furcht oder mit Freude vernimmt, bleibt jedem überlassen – fest steht aber, dass der Einfluss der Europäischen Union und damit auch die übernationale Normierung von Vorgaben und Rahmenbedingungen weiter voranschreiten wird. Das wird für viele Bereiche unseres täglichen Lebens gelten. Und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Vorschriften, die Gesundheit und Sicherheit betreffen, auch von einem Großteil der Bevölkerung akzeptiert werden. Wenn man Greiners Gegenüberstellung wichtiger Werte – hier Gesundheit und Sicherheit auf der einen Seite und Freiheit auf der anderen Seite – akzeptiert, dann hat er sicherlich recht mit seiner Feststellung, dass die Waagschale sich auf die Seite von Gesundheit und Sicherheit neigt. Allerdings, wie bereit gesagt, durchaus mit dem Wissen und dem Einverständnis vieler Menschen. Dies macht auch die um sich greifende Self-Tracker-Bewegung deutlich, also das Sammeln und Auswerten von körpereigenen Daten. Die Self-Tracker-Bewegung verbindet zwei Trends, zum einen die Bemühung um Optimierung des eigenen Körpers in allen Bereichen, zum anderen die Begeisterung für die technischen Hilfsmittel bei dieser Optimierung. Ziel: Eine größere Kontrolle über Abläufe des eigenen Lebens – heute z. B. schon 10.000 Schritte zurückgelegt? Eine App unterstützt Sie! – soll zu höherer Leistungsfähigkeit und besserer Gesundheit führen. Die gesammelten Daten können auch direkt zum Arzt geführt werden, der dadurch die Möglichkeit hat, die Gesundheitsprophylaxe des Patienten zu optimieren. Wenn man zur Freiheit auch den Schutz der eigenen Daten, der Privatsphäre zählt, dann wird diese Freiheit, dieser Schutz sicherlich von vielen bereitwillig aufgegeben. Das allein ist aber noch nicht gefährlich, auch wenn Greiner das meinen würde.

Die Daten könnten – und hier droht die eigentliche Gefahr und Beschränkung unserer Freiheit – aber auch zu Versicherungen übermittelt werden. Vielleicht werden sie in naher oder ferner Zukunft sogar übermittelt werden müssen. Die Versicherungen bieten dann bessere Konditionen für Menschen an, die an Optimierung der eigenen Gesundheit und Leistungsfähigkeit interessiert sind. Ähnliche Versuche gibt es schon heute. Und viele Menschen werden diese Idee zunächst aufgreifen, weil sie damit Versicherungsprämien sparen oder senken können. Aber irgendwann wird man vielleicht auch einmal merken, dass es im Leben auch ganz anders laufen kann, dass man genetisch bedingt oder durch Unfall in eine missliche Lage gerät. Auch dann werden die Versicherungen ihr System durchziehen. Dann werden wir vielleicht bemerken, dass der Schutz unserer Daten, dass der Schutz unserer Freiheit besser gewesen wäre. Dann könnte es allerdings zu spät sein.

Und dann könnte das, was Freiheit für mich ausmacht, unwiederbringlich verloren sein, Freiheit im Sinne von Louis Brandeis, einem Richter am Obersten Gerichtshof der USA, der in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts erklärte: „Das Recht, in Ruhe gelassen zu werden, ist das umfassendste aller Rechte und dasjenige, dem ein freies Volk den größten Wert beimisst.“ (Zitiert nach Glenn Greenwald: Die globale Überwachung, Droemer: München 2014, S. 246.)

Registriere dich, um den vollen Inhalt zu sehen!

VERSTÄNDLICH

PREISWERT

ZEITSPAREND

Weitere Deutschthemen findest du hier

Wähle deine Klassenstufe

Weitere Musterlösungen findest du hier