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Analyse und Erörterung nicht fiktionaler Texte: B. Müller: „In Zeichen wie diesen“ (erhöhtes Anforderungsniveau)


Aufgabe

1) Arbeiten Sie die Kernaussagen des Textes heraus.

2) Wählen Sie eine der beiden folgenden Arbeitsanweisungen:

  1. Setzen Sie sich mit Burkhard Müllers Verständnis von Ritualen auseinander.
    oder
  2. Gehen Sie von folgender Annahme aus: Ihre Schule veranstaltet eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Rituale in unserer Zeit“. Sie halten eine Rede zu diesem Thema. Verfassen Sie diese Rede.

Maßgeblich für die Beurteilung des Aufsatzes ist das Ganze der erbrachten Leistung. Der Schwerpunkt liegt auf der zweiten Teilaufgabe.

Material:

burkhard_mueller_in_zeichen_wie_diesen.pdf

Quelle:
In: Süddeutsche Zeitung, 15./16.10.2011

Lösung

1)

Der deutsche Journalist und Dozent Burkhard Müller thematisiert in seinem am 15. Oktober 2011 in der Süddeutschen Zeitung erschienenen Kommentar „In Zeichen wie diesen“ das Wiederauflebenlassen von Ritualen und stellt anschaulich die Gründe hierfür dar.

Im Folgenden werden zunächst die zentralen Aussagen des vorliegenden Artikels herausgearbeitet. Daran schließt sich im zweiten Teil dieser Arbeit die Auseinandersetzung mit Burkhard Müllers Verständnis von Ritualen [[eine Rede mit dem Titel „Rituale in unserer Zeit“]] an.

Als Anlass und Ausgangspunkt dieses Kommentars dient die Rückbesinnung auf seine eigene Abiturfeier. Generell kann das Abitur als lang ersehnte Möglichkeit des „Aufbruch[s]“ (Z. 2) und des „Ausbruch[s]“ (Z. 3) aus den Fängen der Schule gesehen werden. Dabei lösen sich die Abiturienten von den bisher einengenden Zwängen, die ihnen während der Schulzeit auferlegt wurden. In ironischem Ton wird die Konventionalität dieses Festes, in Bezug auf den Ablauf und die Kleiderordnung, lächerlich gemacht. Erinnert wird zudem an den Abschlussball des Tanzkurses, der als eine peinliche und unangenehme Situation beschrieben wird, die auf diese Weise nicht noch einmal miterlebt werden möchte. Folgerichtig sah Burkhard Müller es gar nicht ein, sich für seine Abiturfeier herauszuputzen. Umso erstaunlicher ist es für ihn, dass „die Jugend von heute“ vor festlicher Abendkleidung nicht zurückschreckt. Im Zuge dessen stellt sich der Autor die Frage, ob die heutige Jugend denn so werden möchte wie ihre Großeltern (Z. 31), weil sie diese Rituale so unrebellisch festlich begeht.

In der heutigen Zeit werden gerade solche Rituale sehr aufwendig gefeiert. Dafür gibt es seiner Meinung nach zwei Gründe. Einen sieht der Autor im „allgemein gestiegenen Wohlstand“ (Z. 36) mit dem Resultat, dass nun hohe Geldbeträge für solche Festlichkeiten ausgegeben werden können (vgl. Z. 37). Auch spielt das Pflegen und Knüpfen von gesellschaftlichen Beziehungen (Z. 39) eine wesentliche Rolle. Burkhard Müller fasst die von ihm angeführten Gründe mit dem Schlagwort der „Wohlstandsblüte“ (Z. 47) zusammen.
Als zweiten und wichtigeren Grund für die Ausweitung und das Wiederauflebenlassen der Rituale führt der Autor an, dass sich der moderne Mensch in einer Notsituation befindet (vgl. Z. 47). Die Notwendigkeit, dem Leben einen Sinn zu stiften, koste in der heutigen durch Unsicherheit geprägten Zeit viel Kraft, weshalb Zuflucht beim Alten gesucht werden müsse. Der Autor gibt allerdings zu bedenken, dass gerade die Selbstfindung nicht durch tradierte, vorgegebene Rituale und in Anlehnung an alles „Alte[ ]“ (Z. 53) erreicht werden könne.

Des Weiteren prangert Müller die Tatsache an, dass Erwachsene kindhafte Verhaltensmuster ausleben, indem sie beispielsweise mit der Durchführung von Ritualen zu der Sicherheit gelangen, die sie ohne sie niemals erlangen würden (vgl. Z. 67 ff.). Anhand der sogenannten Heroldsformel (Z. 69 f.: „Der König ist tot, es lebe der König!“), die den Tod des alten Königs bekannt gibt sowie gleichzeitig den neuen König ausruft und die für den Bestand der französischen Erbmonarchie steht, möchte der Autor auf die Kontinuität hinsichtlich des Zelebrierens von Ritualen hinweisen.

Abschließend fasst Müller zusammen und betont an dieser Stelle noch einmal die Gründe für das Wiederaufleben der tradierten Rituale: Trost und Sicherheit. Jedoch nicht ohne seinen Standpunkt noch einmal deutlich zu formulieren. Er setzt Rituale gleich mit Qual (vgl. Z. 71) und dem Sichbinden an Autoritäten (vgl. Z. 71). Gleichzeitig räumt er den Ritualen in der heutigen Gesellschaft einen nicht unerheblichen Platz ein, indem er sie als „unentbehrliche[n] Luxus“ (Z. 78) bezeichnet.

2a)

Müller kritisiert in seinem Artikel deutlich die „Renaissance“ von Ritualen, die für den modernen Menschen lebensnotwendiger denn je seien. Der Einstieg über ein persönliches Ereignis ermöglicht einen leichten Zugang zum Text. Müller setzt sich zunächst auf eine sehr anschauliche und ironische Art und Weise mit seiner schon Jahre zurückliegenden Abiturfeier auseinander. Die Tatsache, dass er sich noch derart an das für ihn einschneidende und negativ behaftete Ereignis erinnern kann, zeugt schon einmal von dessen zentraler Bedeutung. Müller beschreibt auf sehr flapsige Art (vgl. „Okay“, Z. 7, und „im Traum daran denken“, Z. 10) die persönlichen Eindrücke seiner Abiturfeier.
Bei aller Unterhaltsamkeit darf hier die Einseitigkeit und verallgemeinernde Darstellung der Argumente nicht außer Acht gelassen werden. Müller stützt seine Argumentation anfangs lediglich auf die von ihm empfundenen und unangenehm wahrgenommenen Rituale, die während des Abiturballes durchlebt wurden. Durch die häufige Verwendung des Stilmittels der Ironie, wie beispielsweise in Z. 5: „[…] zuständige Oberstudiendirektor (sagte der Titel nicht schon alles?)“, möchte er die Lachhaftigkeit solcher Veranstaltungen betonen.

Im weiteren Verlauf richtet Müller den Blick auf zeitgenössische Abiturbälle (vgl. Z.17: „Abi 2011“). Scheinbar ungläubig stellt der Autor fest, dass die heutigen Abiturienten einer solchen Veranstaltung regelrecht entgegenfiebern. Das für ihn noch „beklemmende“ (Z. 18) Gefühl, sich in Anzug und Krawatte vor den Eltern zu präsentieren, wird von der gegenwärtigen Jugend nicht als solches empfunden. Diese „putzen“ sich gerne in „Anzug und Schlips“ (Z. 20) heraus, bzw. zeigen sich die gerne im „schulterfreien Abendkleid“ (Z. 10).

Bei einem Gespräch mit einem, wie es Müller bezeichnet, „Opfer des Abiturs“ (vgl. Z. 22) stellt sich heraus, dass der Gesprächspartner, der in den Augen des Autors als „vernünftig“ (Z. 23) und modern gelten kann, das Zelebrieren des Abiturballs mit all den Zwängen und Konventionen als völlig „normal“ erachtet (vgl. Z. 26 f.).
Das „Klagelied“, das der Autor nun über die Jugend anstimmen möchte, scheint doch reichlich übertrieben. Reiht er sich nicht genau damit in die Reihen der reaktionären „Alten“ ein, die „auf die Jugend von heute“ schimpfen? Schließlich ist der Gedanke, dass man nach 12 Jahren Schulzeit deren Ende auf gebührende Art und Weise feiern möchte, doch sehr naheliegend. Es ist das Ende eines Lebensabschnitts und zugleich der Beginn eines neuen. Dieser Abschied bzw. Neuanfang wird durch die unterschiedlichsten Gefühle geprägt: Stolz, es geschafft zu haben, Freude auf das, was kommt, evtl. ein bisschen Angst vor dem Neuen, Traurigkeit darüber, dass man lieb gewonnene Mitschüler in Zukunft nicht mehr (so oft) sieht. Liegt es da nicht nahe, dass man das Ereignis gemeinsam feiert und den Gefühlen gemeinsam Ausdruck verleiht? Den Abschied mit feierlichen Schwüren erleichtert, dass man immer in Kontakt bleiben will? Ich denke, dass gerade das Ritual des Abiballs uns Schülern eine tolle Möglichkeit bietet, einen Lebensabschnitt gemeinsam abzuschließen. Und daher macht es uns nichts aus, die Jeans für diesen besonderen Anlass gegen das Abendkleid zu tauschen. Im Gegenteil: Wir sind stolz auf das, was wir geschafft haben, und möchten diesem Gefühl durch besondere Kleidung Ausdruck verleihen.

Der Autor nennt außerdem den „allgemein gestiegenen Wohlstand“ als Grund für die „Renaissance“ der Rituale (Z. 36). Dabei führt er jedoch keine diese These belegenden Begründungen und Beispiele an, sondern erwähnt lediglich die immensen Summen, die für solche Zwecke zur Verfügung stehen.

Es ist sicherlich richtig, dass Rituale wie eine pompöse Hochzeit viel Geld und Vorbereitungszeit erfordern und sie nicht selten auch gefeiert werden, um sich selbst zu präsentieren. Jedoch bleibt es ja hier jedem selbst überlassen, wie er die Rituale für sich ausgestaltet. Gerade die Tatsache, dass wir heutzutage die Wahl haben, ob wir uns bestimmte Rituale zu eigen machen möchten und ob und wie wir sie überhaupt begehen möchten, führt dazu, dass Rituale die Menschen eben nicht sklavisch an Autoritäten binden.

Weiterhin argumentiert der Autor, dass die „Wiederkehr und Ausweitung des Rituals“ (Z. 46) nicht nur eine Wohlstandsblüte, sondern dass sie vor allem aus der Not heraus geboren sei (vgl. Z. 47). Was der Mensch als Individuum eigentlich selbst schaffen müsste, nämlich sich selbst zu finden und seinem Leben einen Sinn zu geben, koste zu viel Kraft. Die Lebensbedingungen des modernen Menschen seien so ungewiss, dass er „Zuflucht beim Alten“ suchen müsse.
Schon immer hatten Rituale auch die Funktion, Ordnung und Sicherheit zu geben. Gerade in der heutigen Zeit, die hektisch und schnelllebig ist und in der immer mehr Flexibilität gefragt ist, sind Rituale eine willkommene Stütze. Sie erlauben uns eine kurze Atempause. Dazu zählt die allmorgendliche Tasse Kaffee vor der Arbeit oder der Schule und das wöchentliche Anschauen seiner Lieblingsserie. Diese Rituale setzen einen festen Anker im Leben, an dem man sich notfalls auch einmal festhalten kann. Danach kann man sich wieder mit neuer Kraft dem Alltag widmen.

Die Ritualsucht des modernen Menschen vergleicht Müller mit dem Bedürfnis von Kindern, deren Welt aus den Fugen gerät, wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie sie gewohnt sind. Gerade für Kinder, für die die Welt noch „verwirrend“ ist, sind Rituale ein fester Bestandteil der täglichen Routine. Sich immer wiederholende festgelegte Abläufe schenken nicht nur Kindern innere Ruhe und das Gefühl von Sicherheit, sondern auch die Erwachsenen gieren laut Müller geradezu danach. Im Vergleich mit der Heroldsformel „Der König ist tot, es lebe der König“ (Z. 69), dem Sinnbild der Kontinuität, sieht Müller die Ursache dieses Phänomens.

Dazu lässt sich sagen, dass Rituale den Alltag von Kindern und Eltern enorm erleichtern. Diese Strukturen ermöglichen ein geordnetes Miteinander und bieten Kindern die Möglichkeit, die Welt innerhalb eines sicheren Rahmens zu erkunden. Die tägliche Gutenachtgeschichte vor dem Zubettgehen ermöglicht es, mit dem Tag abzuschließen. Das positive Erleben von Ritualen und ihrer beruhigenden Wirkung führt natürlich dazu, dass man sie als Erwachsener beibehält. Warum dies so negativ zu bewerten ist, erschließt sich mir allerdings nicht.

Rituale sind aus unserer heutigen Welt nicht mehr wegzudenken. In diesem Punkt würde ich Müller uneingeschränkt zustimmen. Lediglich seine einseitige und negative Sichtweise auf Rituale ist nicht einleuchtend. Rituale sind meiner Meinung nach etwas, was Menschen sich zu eigen machen, und nichts, durch das sie fremdbestimmt werden. Jeder hat die Freiheit, sich die für ihn passenden Rituale herauszugreifen und sie auf seine Art für sich zu nutzen. Was spricht also gegen Rituale, die es Menschen ermöglichen, bedeutsame Ereignisse gemeinsam zu feiern? Warum sollte man die kleinen Dinge, die das Leben eines Einzelnen und der Gesellschaft auf angenehme Weise strukturieren und in bestimmte Bahnen lenken, verteufeln? Meiner Meinung nach schränken Rituale die Freiheit und Selbstbestimmung eines Menschen nicht ein, sondern stellen einen angenehmen Ruhepol in unserer hektischen Gesellschaft dar.

2b)

Sehr geehrter Herr OStD Wiedemann, liebe Anwesende,

im Namen der SMV möchte ich Sie alle recht herzlich zu unserer Podiumsdiskussion zum Thema „Rituale“ in unserer Schule begrüßen!

Zunächst habe ich mir die Frage gestellt, was ein Ritual eigentlich ist. Natürlich, und dabei geht ein Dank an meinen langjährigen Lateinlehrer, Herrn Roth, habe ich erst einmal in meinem Fremdsprachenfundus gegraben. Blass erinnerte ich mich an eine Lektion im Roma, in dem die Vokabel ritus eingeführt wurde – Gebräuche und Sitten steht dort als Übersetzung. Aber viel weiter gebracht hat mich das nun auch nicht. Dem Hinweis unserer Lehrkräfte zum Trotz musste ich so schnell wie möglich an mehr Informationen kommen, also nahm ich mein Smartphone zur Hand – ja, ich weiß, die sind in der Schule verboten, aber auf der Toilette sieht es ja keiner – und befragte Wikipedia. Als ich den Artikel über Rituale las, wurde mir schnell klar, dass meine Frage, was genau ein Ritual ausmacht, nicht so einfach beantwortet werden kann.

Rituale laufen nach vorgegebenen Regeln ab und finden meist in einem feierlichen und formellen Rahmen statt. Sie haben einen hohen Symbolgehalt und fördern das menschliche Miteinander, also stellt ein Ritual eine kommunikative Handlung dar. 

Rituale – gab es die immer schon? Denken wir an die Steinzeitmenschen, die unter primitivsten Bedingungen hausten, an diese Vorfahren der Menschen. Schon bei deren Jagd und dem damit verbundenen Festessen im Anschluss wurde immer auf dieselbe Art vorgegangen. Auch die alten Ägypter zelebrierten, gerade im Hinblick auf die Beisetzung ihrer Toten, regelrechte Rituale. Diese Liste könnte nun endlos fortgeführt werden.

Doch gab es eine Zeit, in der Ritualen ein weniger hoher Stellenwert in der Gesellschaft beigemessen wurde? Bei meiner Recherche für diese Rede stieß ich auf einige Publikationen renommierter Geisteswissenschaftler und Psychologen, die konstatieren, dass sich gerade nach dem Zweiten Weltkrieg wegen des Nationalsozialismus und der daraus entstandenen Schäden die Gesellschaft von der Durchführung von Ritualen fernhielt. Dementgegen behaupten einige Anthropologen, dass unsere Gesellschaft heute ohne Rituale nicht mehr funktioniert. Üblicherweise werden Rituale durchgeführt, um Übergänge in eine neue Lebensphase zu markieren, nach außen hin sind sie ein sichtbares Zeichen für die Mitglieder der Gesellschaft. Deswegen schaffen sie Nähe, Gemeinsamkeit und leisten den Beitrag der Orientierung im Umbruch. Weil ihr Ablauf festgelegt ist und oft wiederholt wird, beruhigen sie und geben Sicherheit. Bei ihrer Durchführung stehen sowohl das gemeinsame Handeln als auch das gemeinsame Ziel im Vordergrund. Der zwischenmenschliche Kontakt wird enger, der Einzelne kann für einen Moment lang dem Alltag entfliehen, genießt eine Weile Narrenfreiheit und gliedert sich anschließend mit seinem neuen Status wieder in die Gesellschaft ein.

Überlegen wir einmal gemeinsam, welche Rituale uns im täglichen Leben begegnen, indem wir uns unseren Tagesablauf vor Augen führen:

Es ist morgens um halb sieben, also mitten in der Nacht, der Wecker klingelt. Wir stellen ihn auf Schlummerfunktion und bleiben liegen. Nach weiteren fünf Minuten wiederholen wir dieses Spielchen, doch wissen wir, dass wir aufstehen müssen. Wir gehen ins Bad, putzen die Zähne und machen uns fertig für den Tag. Diese Vorgänge sind tägliche Rituale, ohne dass wir sie bewusst als solche wahrnehmen. Sie laufen immer nach dem gleichen Muster ab und markieren den Übergang von der Nacht zum Tag.

Weiter geht es mit der Auswahl der Kleidung für diesen Tag. Welches Outfit ist das passende? Da hat man, und gerade frau, die Qual der Wahl. Zum Frühstück gibt es, wie jeden Morgen, ein Müsli, unsere Mutter drückt uns unser Pausenbrot, wie uncool, in die Hand und wünscht uns einen schönen Tag. Dieser Ablauf findet an 300 Tagen im Jahr statt. Immer nach demselben Muster. Wir hasten zum Bus, um ihn um ein Haar nicht zu verpassen, der Busfahrer wartet, er kennt das ja schon.

In der Schule angekommen begrüßen wir als Erstes unsere Freunde, natürlich mit einem Küsschen. Dieses Ritual der Begrüßung lässt sich, selbstverständlich in abgeänderter Form, auf der ganzen Welt beobachten.

Der Unterricht beginnt. Wir Schüler stehen auf und begrüßen den Lehrer. Ein kollektives „GUUUUUUUUUUUUUTEEEEEEEEEEEEN MOOOOOOORGEEEEEEN FRAUUUUU SCHMITT-HILLENBEEEEERGGGG“ ertönt. Das geht heute jede Stunde so. Auch ein Ritual.

In der Pause werfe ich das liebevoll von meiner Mutter belegte Pausenbrot weg und kaufe mir lieber etwas beim Bäcker. Noch vier Stunden Unterricht, dann ist der Tag überstanden.

Es ist Freitag und wir stehen nach Unterrichtsschluss noch in Gruppen zusammen und plaudern über das bevorstehende Wochenende. Die Jungs der Klasse verabreden sich zum wöchentlichen BuLi(= Bundesliga)-Schauen. Dabei herrscht immer striktes Frauenverbot und jede Woche sind sie bei einem anderen zu Gast, der sich um die Bewirtung kümmern muss.

Ich bin dieses Wochenende zur Hochzeit meiner Cousine eingeladen. Das typische Beispiel für ein Ritual. Zwei Liebende bekunden ihre Zuneigung und die Liebe füreinander, genießen einen Tag lang die volle Aufmerksamkeit der Hochzeitsgesellschaft und beginnen am nächsten Tag gemeinsam eine neue Lebensphase, die Ehe. Welches Mädchen träumt nicht, spätestens seit der Pubertät, von einer Märchenhochzeit, ganz in Weiß, mit stilvoll gekleideten Gästen, von einer festlichen Umgebung?

Rituale dieser Art gibt es viele – Taufe, Geburtstag, das Weihnachtsfest –, sie alle haben das Ziel, einen freudigen Anlass gemeinsam zu feiern. Doch genug davon.

Ich gehe von der Schule nach Hause, wo meine Mutter schon mit dem Essen auf mich wartet. Wie immer gibt es Diskussionen um das Mittagessen – müssen es denn immer Lasagne oder Pizza sein? Meistens läuft es darauf hinaus, dass meine Mutter meint, als kleines Kind wäre ich viel einfacher zu handhaben gewesen. Früher war sowieso alles besser. Früher brachte sie mich mit einer Gutenachtgeschichte, die natürlich immer dieselbe war, ins Bett. Bevor ich einschlafen konnte, musste ich jedem meiner Kuscheltiere einzeln eine gute Nacht wüschen. Und wehe, eines fehlte! Aber danach konnte ich beruhigt einschlafen.

Eigentlich sollte ich jetzt meine Hausaufgaben für Montag erledigen, wir sind ja das ganze Wochenende unterwegs, doch ich schiebe es auf und logge mich lieber in eines der sozialen Netzwerke ein. Irgendwann, laut meiner Mutter ist es schon viel zu spät, kommt sie in mein Zimmer und erinnert mich daran, dass wir am nächsten Tag früh rausmüssen. Nicht ohne wenigstens, und das aus reiner Gewohnheit, ein Mal widersprochen zu haben, gehe ich schließlich ins Bad und putze mir die Zähne.

Rituale – ein Teil unseres täglichen Lebens, nicht immer so festlich zelebriert wie ein Abiturball oder eine Hochzeit, doch ist unser Alltag von zahlreichen Ritualen durchzogen, ohne dass wir es genau merken. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass es vor allem die kleinen Rituale sind, die uns ständig und unbewusst im Leben begegnen und die unser Leben enorm erleichtern. Und jetzt danke ich Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich auf weitere Diskussionsbeiträge: Welche Rituale schätzen Sie in Ihrem Alltag ganz besonders? Und welche Rituale würden Sie am liebsten aus Ihrem Leben verbannen?

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