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Wie du eine Gedichtinterpretation verfasst


Schritt-für-Schritt-Anleitung

Wie du eine Gedichtinterpretation verfasst

Aufgabe

Verfasse eine Gedichtinterpretation zu "Der Panther" von Rainer Maria Rilke. Gliedere diese in Einleitung, Hauptteil und Schluss. 

Textgrundlage

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

1   Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

2   so müd geworden, daß er nichts mehr hält.

3   Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

4   und hinter tausend Stäben keine Welt.

 

5   Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,

6   der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

7   ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,

8   in der betäubt ein großer Wille steht.

 

9   Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

10  sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,

11  geht durch der Glieder angespannte Stille –

12  und hört im Herzen auf zu sein.

(aus: Rilke: Werke, Bd. 1,2, Gedicht-Zyklen)

Das musst du wissen

Bei einer Gedichtinterpretation geht es darum, in schriftlicher Form auf ein Gedicht Bezug zu nehmen. Dabei stellst du den formalen Aufbau, die sprachliche Gestaltung, den Inhalt und die Wirkung in einen Gesamtzusammenhang und gelangst so zu einer Gesamtdeutung des Textes. Die formale, sprachliche und inhaltliche Analyse eines Gedichts bildet also die Grundlage für die Interpretation. Du orientierst dich aber immer an der Frage, welche Bedeutung und Wirkung die sprachliche Form des Gedichts auf dessen Inhalt und Aussage hat. 

Schritt 1: Schreibe die Einleitung

Ebenso wie die Interpretation eines epischen Textes gliedert sich auch die Interpretation eines Gedichts in die Teile Einleitung, Hauptteil und Schluss. Im ersten Schritt nennst du in der Einleitung also - möglichst in einem Satz - die wichtigsten Daten zum Text, also:

  • Textsorte
  • Titel
  • Erscheinungsjahr des Textes
  • Autor
  • Thema

Bei der knappen Nennung des Themas orientierst du dich an den Fragen „Worum geht es in dem Gedicht?“ und „Was wird dargestellt?“.

Der Einleitungssatz für Rilkes Gedicht „Der Panther“ könnte so lauten:

Das Gedicht „Der Panther“ (1902 oder 1903) von Rainer Maria Rilke beschreibt einen Panther hinter den Gitterstäben seines Käfigs.

Dann folgt eine kurze Inhaltsangabe. Die Sinneinheiten eines Gedichts stimmen in der Regel mit der Stropheneinteilung überein. Also kannst du dich bei deiner Inhaltsangabe an den einzelnen Strophen orientieren:

In der ersten Strophe geht es um den Zustand des Raubtiers hinter Gittern. Sein Blick ist ermüdet und die Stäbe scheinen an ihm vorbeizuziehen. Er nimmt außer den Gitterstäben offenbar kaum noch etwas anderes wahr. In der zweiten Strophe werden der Panther selbst und seine Bewegungen im Käfig beschrieben. Er zeigt zwar einerseits noch Geschmeidigkeit und Kraft, also die typischen Attribute eines Raubtiers, seine körperliche Stärke und sein Wille scheinen aber durch den begrenzten Raum gebrochen. Die dritte Strophe befasst sich mit der Wahrnehmung des Panthers. Er nimmt zwar von Zeit zu Zeit etwas von seiner Umwelt auf, diese Bilder, die seine Augen passiv erreichen, verebben aber in seinem Inneren und rufen bei ihm keinerlei Reaktion hervor.

In die Einleitung gehört auch eine vorläufige Deutungshypothese. Dieser erste Deutungsvorschlag muss noch nicht begründet werden und kann von der im Hauptteil folgenden genaueren Textinterpretation entweder bestätigt oder verworfen werden:

Der Panther ist ein Sinnbild für alle Lebewesen, die in irgendeiner Form ihrer Freiheit beraubt werden und dadurch den Zugang zu ihrem Inneren und ihre Selbstbestimmung verlieren. 

Schritt 2: Schreibe den Hauptteil 

Im Hauptteil präsentierst du im zweiten Schritt die Ergebnisse deiner formalen, sprachlichen und inhaltlichen Analyse und erklärst deren Bedeutung.

Du benennst also die verwendeten Stilmittel wie Strophenform, Reimschema, Metrum, Klangfiguren, Vergleiche und Metaphern und beschreibst deren jeweilige Wirkung auf die Gesamtaussage des Gedichts. Du klärst den inhaltlichen Aufbau, zeigst gegebenenfalls die inhaltliche Entwicklung auf, stellst die Situation des lyrischen Ichs dar und gehst auf die Atmosphäre des Gedichts ein. Deine Aussagen belegst du möglichst mit passenden Textstellen.

Beispiel „Der Panther“:

Das Gedicht besteht aus drei Strophen mit jeweils vier Zeilen, die den Kreuzreim als Reimschema haben. „Der Panther“ benutzt als Metrum den Jambus, also einen regelmäßigen Wechsel von Senkung und Hebung. Nur die dritte Strophe unterbricht diesen Rhythmus: Sie beginnt mit zwei Hebungen („Nur manchmal …“, Zeile 9). Der Satz läuft über das Zeilenende hinaus und endet in der Mitte von Zeile 10. Hier entsteht vom Sprachrhythmus her eine Pause oder eine Zäsur. Diese Regelmäßigkeit bei Klang und Rhythmus unterstreicht die Monotonie im Käfig: Der Panther ist müde und abgestumpft (1. Strophe) und zieht lethargisch seine Kreise (2. Strophe). Er reagiert nicht mehr auf die Außenwelt. Nur selten scheint er noch ein Bild aufzunehmen (auf diese Situation verweist die Zäsur in der 3. Strophe, Zeile 10), doch dieses bleibt an der Oberfläche und erreicht nicht mehr sein Bewusstsein oder sein Inneres, wie Zeile 12 deutlich macht. Hier ist das Herz eine Metapher für das gesamte Tier.

Die durch Assonanzen hervorgerufene einheitliche Klangstruktur verstärkt die monotone Atmosphäre des Gedichts: In der ersten Strophe dominieren zum Beispiel die ä- und e-Laute (Vorübergehn, Stäbe, hält, Stäbe, gäbe, Stäben, Welt). Das Wort „Stäbe“ ist dort besonders auffällig. Es wird insgesamt dreimal wiederholt und durch den Schlagreim „Stäbe gäbe“ (3. Zeile) noch einmal speziell hervorgehoben. In der ersten Zeile findet sich eine eigenwillige Personifikation („vom Vorübergehn der Stäbe“), die eine verdrehte Perspektive liefert: Sie drückt aus, dass sich die Stäbe und nicht das Tier bewegen. Die Stäbe und damit der Käfig bzw. das Eingesperrtsein werden zum Schlüsselbegriff des Gedichts. Auf die Käfigsituation verweist auch der Rahmen: Das Gedicht beginnt und endet mit dem Wort „sein“, einmal als Possessivpronomen, einmal als Verb gebraucht.

In Rilkes Gedicht ist der Panther die zentrale Figur. Er prägt auch den Titel, wird dann allerdings im Gedicht selbst nicht mehr namentlich erwähnt. Die Unterüberschrift nennt den „Jardin des Plantes“, den Tiergarten in Paris, als konkreten Handlungsort. Das lyrische Ich bleibt dagegen verborgen. Es tritt hinter die genaue Beobachtung des Panthers zurück. Dabei wechselt die Beobachterperspektive von Strophe 1 bis 3 von außen nach innen: Zunächst werden die Gitterstäbe des Käfigs, dann das Tier selbst und seine Bewegungen, dann sein Auge und schließlich sein Herz, das Innerste des Panthers, betrachtet. Das Gedicht endet in Resignation, weil offenbar kein Impuls von außen das Tier mehr erreichen kann.

Im Gedicht steht nicht die subjektive Empfindung eines Sprechers im Vordergrund, sondern die möglichst genaue Beschreibung des Panthers. „Der Panther“ ist ein sogenanntes Dinggedicht, das ein Objekt so darstellen möchte, als spräche es über sich selbst. 

Schritt 3: Schreibe den Schluss  

Im Schlussteil deiner Interpretation fasst du die wichtigsten Ergebnisse noch einmal kurz zusammen, formulierst eine Deutung und bestätigst oder verwirfst damit deine anfängliche Deutungshypothese. Du kannst das Gedicht auch bewerten und eine persönliche Stellungnahme abgeben. Auch Fragen und weiterführende Aspekte haben hier ihren Platz.

Beispiel „Der Panther“:

Rilkes Gedicht schildert aus einer Beobachterperspektive, die sich im Strophenverlauf von außen nach innen wendet, die Gefangenschaft des Panthers und ihre deprimierenden Auswirkungen auf das Lebewesen. Durch die kunstvolle Verbindung von Form, Rhythmus, Klang und Inhalt ist ein ernstes, bedrückendes Gedicht entstanden. Es macht deutlich, dass Begrenzung und Isolation auf Dauer zu Realitätsverlust, aber auch zum Verlust der eigenen Persönlichkeit führen.

Da der Panther nur in der Überschrift des Gedichts namentlich erwähnt wird, lässt sich das Tier als Sinnbild für Lebewesen aller Art deuten, die sich in Gefangenschaft befinden. Dieses Eingesperrtsein meint nicht nur die konkrete Haft oder den Käfig, sondern auch andere Formen der Begrenzung wie gesellschaftliche Konventionen oder innere Zwänge. Das Gedicht endet zwar mit dem resignativen Bild des Panthers, dessen Befreiung unmöglich scheint. Es kann aber auch als Aufruf verstanden werden, für die eigene Freiheit und die Freiheit anderer einzutreten.  

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